Menschen bei uns
Das Leben ist zu kurz, um negativ zu sein
, von Imke Kuhlmann

Reinbek/Marschacht – Als Key Account Manager ist Ed Pelzers viel unterwegs. Ein Zwölfstundentag ist für ihn nicht die Ausnahme. Der 60-jährige ist gebürtiger Niederländer und lebt seit 1988 in Deutschland. Sein Weg führte ihn damals direkt nach Hamburg. Später wohnte er unter anderem in Escheburg und Wentorf, heute ist Marschacht sein Zuhause. Wenn er über sein Leben erzählt, klingt es nach einem vollen Kalender und viel Zufriedenheit. Auch, weil sein Job eines seiner Lieblingsbeschäftigungen sei. Genau wie Bücher und Lesen. Seit 20 Jahren ist er bei den Bücherfreunden in Reinbek aktiv, seit April hat er den Vorsitz.
Angefangen hat alles 2006, als er Renate Bublitz, seine Vorgängerin, kennenlernte. Sie erzählte ihm von ihrem Engagement rund um die Stadtbibliothek. Pelzers zeigt Interesse, sich das einmal anzusehen. Er wurde Mitglied und blieb. Damals hätte er nicht erwartet, dass er eines Tages selbst die Verantwortung übernehmen würde. Dass er sogar in die Fußstapfen von Renate Bublitz getreten ist, empfindet er selbst als etwas Besonderes. Sie habe ihn damals »mit an die Hand genommen«, sagt er. Nun führt er die Arbeit weiter. Einfach ist das angesichts seines Berufs und seines vollen Terminkalenders nicht. Er sagt offen, dass er eigentlich nicht die Zeit habe, sich um sämtliche Aufgaben eines Vereinsvorsitzenden zu kümmern. Deshalb ist die Arbeit bei den Bücherfreunden auf mehrere Schultern verteilt. Das Team funktioniere eingespielt. Einer kümmert sich um die Finanzen, andere übernehmen organisatorische Fragen. Vieles lässt sich inzwischen digital abstimmen.
Pelzers selbst ist immer bei den großen Bücherflohmärkten dabei, die jeden Monat stattfinden. Außerdem kümmert er sich um die Werbung. Neue Plakate sollen künftig rechtzeitig auf die kommenden Termine aufmerksam machen. Der Verein ist klein, sagt er, aber gerade deshalb funktioniere das Miteinander so gut. Für ihn lässt sich der Erfolg eines Flohmarktes nicht allein an den Einnahmen messen. Viel wichtiger seien die Menschen, die kommen. Wenn beispielsweise Familien mit ihren Kindern den Markt besuchen und die Kinder am Ende glücklich mit einem Buch nach Hause gehen, ist das für ihn bereits ein Erfolg. Die Bücherfreunde verstehen sich als Gemeinschaftsverein und unterstützen die Stadtbibliothek. Das Geld bleibt nicht im Verein, sondern wird unter anderem für Veranstaltungen, Ausstattung und Angebote für Kinder in der Stadtbibliothek eingesetzt. »Die Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek ist sehr gut«, sagt Pelzers.
»Ein Tag ohne Buch ist wie ein Tag nicht gelebt«, sagt er. In seinem Wohnzimmer stehen mehrere Bücherregale. Sie sind gefüllt mit Romanen, Sachbüchern, Bildbänden und Krimis. Einen festen Lieblingsautor hat der neue Vorsitzende nicht. Gerade hat er wieder Hermann Hesse gelesen, manchmal greift er auch zu einem Buch, das er bereits kennt.
Pelzers hat eine Tochter und ist Großvater einer fünfjährigen Enkelin. Familie ist ihm wichtig, ebenso Freunde und sein Garten. Letzteren bezeichnet er allerdings mit einem Augenzwinkern als »gezwungenes Hobby«. Schließlich wachse das Unkraut auch dann, wenn keine Zeit ist, es zu jäten. Seine positive Einstellung zum Leben zieht sich durch das Gespräch. »Das Leben ist zu kurz, um negativ zu sein«, sagt Pelzers. Natürlich gebe es Dinge, die nicht so laufen, wie er es sich wünscht. Aber nicht alles ließe sich beeinflussen. Dann sei es richtig, manche Dinge auch loszulassen.
Was er liest, entscheidet sich nach Stimmung und Interesse. Darin stecke für ihn auch der Reiz an Büchereien und Buchflohmärkten. Gebrauchte Bücher haben für ihn einen eigenen Wert. So ließe sich auch mal ein Autor entdecken, mit dem vorher nichts angefangen werden konnte. Für Pelzers bedeutet Lesen, den eigenen Horizont zu erweitern. Digitale Bücher können ihm diesen Zugang allerdings nicht ersetzen. Er kenne die Vorteile von E-Books. Wer in den Urlaub fährt, kann damit zahlreiche Bücher auf einmal mitnehmen. Praktisch sei das schon. Trotzdem liest er ausschließlich auf Papier. Er möchte ein Buch anfassen, die Seiten umblättern. Er brauche Bücher, um sich zu erden.
Diese Liebe zu gedruckten Büchern verbindet sich bei den Bücherfreunden mit der Freude an der Begegnung. Menschen kommen zum Flohmarkt, suchen bestimmte Titel, entdecken unbekannte Autoren oder finden ein längst vergessenes Buch wieder.
Die Begeisterung gibt er inzwischen an die nächste Generation weiter. Seine Enkeltochter hat selbst viele Bücher. Wenn Pelzers bei ihr ist, liest er ihr vor. So schließt sich für ihn ein Kreis. Aus der Begegnung mit einer engagierten Bücherfreundin wurde sein eigenes Ehrenamt. Und obwohl sein Alltag gut gefüllt ist, möchte er genau darauf nicht verzichten. Vielleicht liegt darin auch seine persönliche Vorstellung von einem guten Leben: nicht alles kontrollieren zu wollen, sich nicht über jede Schwierigkeit aufzuregen und sich Zeit für die Dinge zu nehmen, die einem wirklich etwas bedeuten.