Menschen bei uns

Immer neugierig auf neue Herausforderungen

, von Imke Kuhlmann

Hildegard Ballerstedt ist immer neugierig auf Neues

Wentorf – Wer Hildegard Ballerstedt begegnet, spürt schnell ihre Energie. Sie ist neugierig, engagiert und vielseitig interessiert. »Sport war mein halbes Leben«, sagt die 1936 in Reinbek geborene Wentorferin. Doch Bewegung bedeutete für sie weit mehr als körperliche Fitness. Sie wollte ihr Leben lang lernen, Neues entdecken und sich für andere einsetzen. Familie, Beruf, Ehrenamt und schließlich ein Studium im Alter von 55 Jahren, all das gehört zu ihrer außergewöhnlichen Lebensgeschichte.

Geboren wurde Hildegard Ballerstedt im St. Adolf-Stift in Reinbek, »mit Billewasser getauft«, wie sie schmunzelnd berichtet, aufgewachsen und verwurzelt ist sie jedoch seit jeher in Wentorf, wo sie bis heute lebt. Dort besuchte sie die heutige »Alte Schule«. »Ich hatte eine schöne Kindheit«, erinnert sie sich. Obwohl der Zweite Weltkrieg das Land überschattete, nahmen die Kinder am Rand der Stadt vieles kaum wahr. Ihr Vater betrieb eine Im- und Exportfirma, die er vom Großvater übernahm. Es gab wirtschaftlich schwierige Zeiten, dennoch fehlte es der Familie nie an Zusammenhalt. Nach dem Abitur an einem Hamburger Gymnasium stand für sie fest, sie wollte Archäologin werden. Geschichte faszinierte sie schon als junges Mädchen. Doch ihr Weg verlief anders. Sie arbeitete zunächst und ging anschließend für anderthalb Jahre nach Spanien. Dort lebte sie bei einer Familie, deren Kinder die Deutsche Schule besuchten. Sie unterrichtete und betreute die Kinder und erhielt dafür auch ein Gehalt. Für eine junge Frau Ende der 1950er-Jahre war dieser Schritt außergewöhnlich.

1962 heiratete sie ihren Mann Peter. Im selben Jahr gründete das Ehepaar einen Betrieb für Kunststoffverarbeitung. Das Unternehmen entwickelte sich erfolgreich und wird heute von ihrem Sohn Markus mit rund 70 Mitarbeitenden weitergeführt. Parallel wuchs die Familie. Vier Kinder wurden geboren. Besonders bewegend bleibt für sie der Verlust eines Zwillings kurz nach der Geburt. Zwei Söhne und eine Tochter mit Familien sind ihr großes Glück. Ihre vier Enkelkinder begleitet sie intensiv. Die Familie stand viele Jahre im Mittelpunkt. Trotzdem verlor sie ihren Traum nie aus den Augen. »Die Archäologie ging mir nicht aus dem Kopf«, erzählt sie. Als die Kinder erwachsen waren und das Familienunternehmen auf sicheren Beinen stand, fasste sie einen mutigen Entschluss. Mit 55 Jahren schrieb sie sich an der Universität Hamburg für Geschichte und Archäologie ein. »Die Professoren waren ungefähr so alt wie ich«, erzählt sie. Ihre Familie unterstützte den Schritt von Anfang an. 2001 legte Hildegard Ballerstedt erfolgreich ihr Examen ab. »Das war eine wunderschöne Zeit«, sagt sie. Lernen war für sie nie Pflicht, sondern Privileg. Ihren Kindern sagte sie deshalb immer wieder: »Lernen zu dürfen ist ein Himmelsgeschenk.«

Ebenso prägend wie das Lernen war der Sport. »Sport war mir immer wichtig«, so Hildegard Ballerstadt. Die Begeisterung wurde ihr praktisch in die Wiege gelegt. Ihr Vater Heinrich Rick gehörte 1906 zu den Gründern des heutigen Sport Club Wentorf und engagierte sich dort als Schriftführer. Sein Bruder Albert übernahm den Vorsitz des Verein. Zunächst stand der Fußball im Mittelpunkt des Clubs. Trainiert wurde zu Beginn auf den Rieck’schen Wiesen am Billeweg. Wenig später stellte der Wentorfer Bauer Hugo C. Kiehn die »Haidbergkoppel« am Bergedorfer Weg als Sportplatz zur Verfügung. Mit Toren und Fahnen auf den Schultern zogen die Spieler damals sonntags gemeinsam zum Training und zu den Wettkämpfen. Schon als Zehnjährige stand Hildegard Ballerstedt täglich auf dem Sportplatz. Leichtathletik und Geräteturnen wurden ihre großen Leidenschaften. Später kamen Hockey, Tennis und Golf hinzu. 15 Jahre lang arbeitete sie als Übungsleiterin für Leichtathletik und Geräteturnen. Noch heute gehört Bewegung zu ihrem Alltag. Regelmäßig geht sie zur Wassergymnastik. »Ich bin ein bewegungssüchtiger Mensch«, sagt sie. Auch ihr ehrenamtliches Engagement ist besonders aktiv. Viele Jahre arbeitete sie im Bürgerverein mit, organisierte Ausstellungen und veröffentlichte historische Beiträge unter anderem die »Villengeschichte Wentorfs«. Das Buch berichtet über das Haus ihrer Großeltern im Billewinkel. Gemeinsam mit weiteren Engagierten verfasste sie die Chronik zum 100-jährigen Bestehen des SC Wentorf im Jahr 2006. Dafür sichtete sie unzählige Dokumente und Unterlagen ihres Vaters und arbeitete auch die Vereinsgeschichte bis zu den Anfängen im Jahr 1906 auf. Außerdem wirkte sie an der Gestaltung der Informationstafel am Wentorfer Ehrenmal mit. »Ich habe immer viel vom Ehrenamt gehalten«, sagt sie. Es sei selbstverständlich gewesen, sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Als in Wentorf Geflüchtete ankamen, engagierte sie sich von Beginn an in der Flüchtlingshilfe. Besonders intensiv begleitete sie über Jahre eine irakische Familie. Sie gab Deutschunterricht, half bei Behördengängen, schrieb Briefe und unterstützte im Alltag. Heute arbeitet die Mutter dieser Familie als Sozialpädagogin in einem Kindergarten. »Darauf bin ich schon ein bisschen stolz«, sagt Hildegard Ballerstedt.

Auch ihre eigenen Kinder hat sie mit dieser Haltung geprägt. »Ihr müsst auch etwas für andere tun«, gab sie ihnen mit auf den Weg. Heute engagieren sie sich ebenso.

Wentorf ist Hildegard Ballerstedt treu geblieben. Seit Kurzem wohnt ihre Tochter mit ihrer Familie im selben Haus. Besonders gern verbringt sie Zeit im großen Garten, den sie noch immer weitgehend selbst pflegt. »Ich packe einfach gern an«, sagt sie. Ihr Lebensmotto begleitet sie bis heute: »Man ist nicht nur um seiner selbst willen auf der Welt.« Danach hat sie ihr Leben ausgerichtet mit Neugier auf Neues, dem Wunsch, Verantwortung zu übernehmen, und der Überzeugung, dass Stillstand keine Option ist. Vielleicht ist genau das das Geheimnis ihrer beeindruckenden Lebensenergie.

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