Menschen bei uns
Aus Krisen Kraft schöpfen
, von Imke Kuhlmann

Reinbek – Es gibt Erfahrungen, die einen Menschen nicht einfach wieder loslassen. Sie verändern den Blick auf das Leben, auf andere und manchmal auch auf sich selbst. Für Silke Schaumann begann dieser Prozess früh. Als der Übergang von der Schule ins Berufsleben anstand, fühlte sie sich orientierungslos. Die vertraute Struktur war plötzlich weg, gleichzeitig kam der Tod ihrer Großmutter hinzu. Sie beschreibt sich selbst als sensiblen Menschen, der vieles wahrnimmt und aufnimmt. In dieser Zeit lernte sie Meditation und Achtsamkeit kennen.
Was zunächst wie eine Möglichkeit wirkte, mit einer herausfordernden Lebensphase umzugehen, wurde später zu einem Werkzeug, auf das sie immer wieder zurückgreifen sollte. In der Stille, sagt sie, habe sie gelernt, Abstand zu negativen Gedanken und Gefühlen zu gewinnen. Nicht, um Probleme verschwinden zu lassen, sondern um ihnen anders begegnen zu können. Eine der einschneidendsten Erfahrungen kam Jahre später, als ihre Tochter im Alter von 15 Jahren schwer erkrankte. Aus einer zunächst scheinbar gewöhnlichen Virusinfektion entwickelte sich eine lebensbedrohliche Situation. Die Ursache wurde erst nach einiger Zeit gefunden. Die Familie erlebte eine Zeit voller Ungewissheit. Es gab einen Moment, in dem die Ärzte nicht sagen konnten, wie die Krankheit ausgehen würde. »Das war für mich eine Erfahrung, auf die ich nicht vorbereitet war«, sagt Silke Schaumann. Verständlich. Hinzu kam, dass die familiäre Situation kompliziert war. Doch durch die Krankheit der Tochter trat für einen Moment vieles andere in den Hintergrund. Heute ist die inzwischen junge Frau wieder gesund. Silke Schaumann spricht von einem großen Glück und von Dankbarkeit. Gleichzeitig hat diese Zeit etwas in ihr verändert. Wieder war es die Meditation, die ihr half, nicht vollständig von Angst und Sorgen überwältigt zu werden. Die Möglichkeit, innerlich einen Schritt zurückzutreten, wurde für sie zu einer Art Halt. Doch irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem sie merkte, dass sie nicht nur funktionieren wollte. Als die Kinder erwachsener wurden und mehr auf eigenen Beinen standen, entstand Raum für die Frage, was eigentlich ihr eigener Weg sein sollte.
Schaumann arbeitete damals bei der Agentur für Arbeit im Arbeitgeber-Service. Ihr großer Wunsch war es, junge Menschen bei ihrer beruflichen Orientierung zu unterstützen. Sie bewarb sich beim selben Arbeitgeber auf eine Position in der Berufsberatung. Parallel machte sie sich auf den Weg und engagierte sich ehrenamtlich bei der Buhck-Stiftung als Jobpatin. Zudem absolvierte sie eine Coaching-Ausbildung und wurde Emotionstrainerin. Heute hat sie ihren Platz in der Berufsberatung gefunden. Die Krisen ihres Lebens, sagt sie, hätten ihr Fähigkeiten vermittelt, die sie heute beruflich einsetzen könne: zuhören, reflektieren, kommunizieren, auch in schwierigen Situationen einen klaren Blick behalten. Daraus ist inzwischen ein weiteres berufliches Feld entstanden, das mehrere Bereiche miteinander verbindet. Sie arbeitet als Coach mit Erwachsenen und unterstützt bei privaten und beruflichen Herausforderungen, beschäftigt sich mit Meditation und dem Umgang mit Emotionen. Sie will Menschen dabei unterstützen, ihre eigenen Antworten darauf zu finden, wie sie ihr Leben leichter machen können. Dabei geht es besonders darum, was hinter wiederkehrenden Problemen steckt. Ein weiterer Schwerpunkt ist für sie der Umgang mit Emotionen. Wut, Trauer oder Angst sind für sie keine Störungen, die möglichst schnell verschwinden müssen. Sie versteht diese vielmehr als Signale, die etwas über Bedürfnisse erzählen. Entscheidend sei, diese Signale wahrzunehmen, bevor automatisch eine Reaktion folgt. Darin schließt sich für sie der Kreis zur Meditation. Zwischen einem Reiz und einer Reaktion könne ein kleiner Moment zum Innehalten entstehen. Auch sie kennt Situationen, in denen Menschen einen empfindlichen Punkt treffen und sie emotional reagiert. Aber sie hat gelernt, genau dann eine Pause einzulegen. Krisen, sagt sie, hätten ihr gezeigt, dass nicht alles kontrollierbar ist. Aber es ließe sich der Umgang damit beeinflussen. Deshalb möchte sie nun Meditation möglichst alltagstauglich vermitteln. Ihr Kurs soll keinen spirituellen Überbau haben. Niemand müsse im Schneidersitz sitzen oder einer bestimmten Weltanschauung folgen. Stattdessen geht es um einfache Übungen, Körperwahrnehmung, geführte Meditation und vor allem um einen Moment der Ruhe. Genau dieser Moment fehlt ihrer Ansicht nach vielen Menschen.
Der Alltag sei voller Informationen, Nachrichten, Anforderungen und Entscheidungen. Dazu komme eine Arbeitswelt, die sich durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz immer schneller verändere. Viele Menschen müssten sich nicht nur fragen, wie sie mit diesem Tempo mithalten, sondern auch, welche Fähigkeiten in Zukunft überhaupt noch gefragt seien. Für sie sind Empathie, Reflexion und der bewusste Umgang mit Emotionen deshalb keine Nebensachen. Sie gehören zu dem, was den Menschen ausmacht. Krisen lassen sich nicht schönreden. Krankheit, Trennung, familiäre Konflikte oder die Angst um einen geliebten Menschen sind Erfahrungen, die für niemanden leicht sind. Für Silke Schaumann bedeutete es nicht, ein krisenfreies Leben zu erreichen. Auch für sie gibt es schwierige Phasen. Der Unterschied liegt für sie darin, ihnen nicht mehr völlig ausgeliefert zu sein. Das möchte sie auch anderen vermitteln. Deshalb startet sie jetzt einen Meditationskurs in Reinbek. Am 28. September geht es um 19 Uhr los. Alle 14 Tage für eine Stunde. Insgesamt sieben Treffen gibt es am Schmiedesberg 7a in den Räumen der Natürlich Werkstatt zum Preis von 20 Euro pro Stunde. Zu erreichen ist Silke Schaumann per eMail: silke.schaumann@gmx.net