Menschen bei uns
Die stärkste Verbindung ihres Lebens
, von Imke Kuhlmann

Wentorf – Heute informiert Lizanne Kraft Schulklassen über Stammzellspenden und beantwortet Fragen von jungen Menschen. Viele hören ihr aufmerksam zu, denn sie weiß genau, wovon sie spricht. Vor 17 Jahren war sie selbst auf die Hilfe einer Stammzellspende angewiesen. Im Alter von elf Jahren bekam sie die Diagnose Leukämie. Dass sie heute gesund vor ihrem Publikum steht, verdankt sie ihrer Zwillingsschwester Mareen.
2009 lebte Lizanne Kraft mit ihrer Familie noch in Berlin. Sie spielte Tischtennis, traf sich mit Freunden und führte ein ganz normales Kinderleben. Doch plötzlich fühlte sie sich immer häufiger erschöpft. »Am Sonntag war mir schwindelig, am Mittwochabend lag ich bereits im Krankenhaus«, erinnert sich die heute 28-Jährige. Ihre Hausärztin reagierte schnell und veranlasste eine Blutuntersuchung. Kurz darauf stand die Diagnose fest: eine besonders aggressive Form der Leukämie. Für Lizanne Kraft und ihre Familie begann eine Zeit voller Ängste, Unsicherheit und belastender Entscheidungen. Die Erkrankung entwickelte sich rasant. Schon bald wurde deutlich, dass eine Chemotherapie allein nicht ausreichen würde. Die einzige realistische Chance auf Heilung war eine Stammzelltransplantation. Für die Familie begann das Warten auf eine passende Spenderin oder einen passenden Spender. Die erlösende Nachricht kam schließlich aus der eigenen Familie. Zwillingsschwester Mareen war als Spenderin geeignet. »Das war ein großes Glück«, sagt Lizanne Kraft heute. Die beiden Schwestern hatten bis dahin nahezu alles gemeinsam erlebt. Nun wurden sie auf besondere Weise herausgefordert. Während Lizanne monatelang im Krankenhaus behandelt wurde und teilweise in Isolation leben musste, war es für Mareen eine belastende Zeit aus der Distanz. Durch ihre Stammzellspende konnte sie aktiv helfen. »Zum ersten Mal konnte sie selbst etwas tun. Das hat auch ihr geholfen«, erzählt Lizanne Kraft rückblickend. Die Erfahrungen dieser Monate haben beide Schwestern geprägt. Für Mareen wurden sie sogar richtungsweisend für ihre spätere Berufswahl. Heute absolviert sie ihre Facharztausbildung zur Kinderärztin.
»Der Tod war für mich nie eine Option«, sagt Lizanne Kraft. Vielleicht auch deshalb, weil sie in ihrer Familie bereits erlebt hatte, dass eine Krebserkrankung nicht zwangsläufig das Ende bedeutet. Ihre Mutter hatte Jahre zuvor selbst Krebs überstanden. Nach der erfolgreichen Transplantation begann der lange Weg zurück in den Alltag. Fast ein Jahr lang konnte Lizanne Kraft nicht am regulären Schulunterricht teilnehmen. Als sie 2010 in ihre Klasse zurückkehrte, gelang es ihr, Schritt für Schritt wieder Anschluss zu finden. Sie machte ihr Abitur und entschied sich später für ein Studium der Stadtplanung in Hamburg. Heute arbeitet sie in der Wentorfer Verwaltung. Die Leukämie ist Teil ihrer Geschichte geblieben, steht jedoch nicht im Mittelpunkt ihres Lebens. Stattdessen hat sie aus ihren Erfahrungen eine besondere Motivation entwickelt. Seit vielen Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich für die DKMS (Deutsche Knochenmarkspende). Als Volunteer besucht sie Schulen, Veranstaltungen und Registrierungsaktionen, informiert über die Stammzellspende und beantwortet Fragen von Interessierten. Ihr Ziel ist es, möglichst viele Menschen für eine Registrierung zu gewinnen. Ein besonderes Projekt ihres Engagements führte sie sogar ins Miniatur Wunderland in Hamburg. Dort steht inzwischen ein Registrierungsstand der DKMS als Miniaturmodell direkt vor dem Fischmarkt. Für Lizanne Kraft ist das weit mehr als nur ein kleines Ausstellungsstück. Es erinnert Besucher daran, dass hinter jeder Registrierung die Chance steht, einem anderen Menschen zu helfen. Darüber hinaus unterstützt sie die José-Carreras-Leukämie-Stiftung, stand dort mit ihrer Zwillingsschwester bei einer Gala gemeinsam auf der Bühne. Und sie engagiert sich bei der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. Dort begleitet sie Begegnungs- und Austauschangebote für Betroffene.
Neben ihrem ehrenamtlichen Engagement hat Lizanne Kraft neue Leidenschaften entdeckt. Auf dem Wasser findet sie einen wichtigen Ausgleich zum Alltag. Beim Segeln auf der Alster kann sie abschalten und neue Energie sammeln. Inzwischen besitzt sie einen Segelschein und begleitet Segeltörns für junge Erwachsene mit Krebserfahrungen. Dort schließt sich für sie ein Kreis. Als junge Patientin hat sie selbst erlebt, wie positiv solche Angebote sein können. Heute gibt sie diese Erfahrungen weiter. Auch kreative Hobbys wie Häkeln, Basteln oder Malen gehören zu ihrem Leben. Lizanne Kraft ist zur Mutmacherin geworden.