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Auf Langstrecke gegen die Zweifel

, von Martina Kalweit

Reinbek – Unter jungen Männern ist das »Pumpen« ein echter Hype. Jeder dritte Teenager in Deutschland trainiert regelmäßig im Fitnessstudio. Elias ist einer von ihnen. Aber ihm geht es nicht um Muskeln allein. Bodybuilding ist harte Arbeit an sich selbst. Damit kennt sich Elias aus.

Seit seinem elften Lebensjahr lebt der sportverliebte Sachsenwaldschüler mit Diabetes Mellitus Typ 1. Die Autoimmunerkrankung zerstört die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. Das lebenswichtige Hormon muss er täglich von außen zuführen. Sein Blutzucker wird über einen Sensor am Oberarm überwacht, die Insulindosis muss ständig an Ernährung und körperliche Belastung angepasst werden.

Als er im vergangenen Jahr schnell an Gewicht zunahm, entwarf der 18-jährige Reinbeker einen Plan: Um Muskeln aufzubauen, statt Fett anzusetzen, unterzog er sich einer dreistufigen Diät. Mit Aufgaben, die ihn körperlich und mental forderten. »Vor allem in Phase zwei muss man dem Körper signalisieren, dass er mal richtig loslegen soll«, erklärt Elias. Jeden Monat stand etwas »Krasses« auf seinem Trainingsplan. Im März waren es 100 Minuten auf dem Stepmaster. Im April vier Stunden bei Widerstandsstufe acht. Im Mai sollte es nach draußen gehen. Elias‘ Ziel: Ein 100 Kilometer-Lauf. Eine Challenge, die selbst erfahrene Ausdauersportler mit Respekt betrachten.

Wer mit Typ-1-Diabetes Sport treibt, braucht mehr als Motivation. Es braucht Planung, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, jederzeit auf den eigenen Körper zu reagieren. Das alles will Elias unbedingt allein schultern. Nicht ungefährlich. Seinen Eltern hinterlässt er am Morgen eine entsprechende Notiz, seine Ärzte wissen nichts von seiner Aktion.

Am frühen Morgen des 9. Mai macht sich Elias startklar. Zum Frühstück gibt es 50 Gramm Haferflocken, einen Kaffee ohne Milch und einen Proteinshake. Dazu Vitamine, Elektrolyte sowie Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium und Eisen. Die ersten Stunden läuft er in Pullover und langer Hose durch die kühle Morgenluft. Gegen acht Uhr kommt die Sonne raus. Den ganzen Tag über ist kein Regen angesagt. Glück gehabt. Während Elias sich körperlich und mental sorgfältig vorbereitet hat, wird er bei der Strecke improvisieren. Stundenlang läuft er kreuz und quer durch Reinbek.

»Bei Kilometer 50 kamen die ersten Nachrichten meiner Schwester. Die hat sich schwer Sorgen gemacht«, erzählt er. Am späten Nachmittag begleitet ihn dann sein Vater auf dem Fahrrad. Zwischen Kilometer 60 und 75 fahren und laufen die beiden gemeinsam nach Witzhave und zurück. Der Vater, der die Blutzuckerwerte seines Sohnes verfolgen kann, lotst ihn von harten Asphaltwegen auf weicheren Waldboden. »Das tat gut«, sagt Elias.

Die letzten Runden läuft er um sein Zuhause in Schönningstedt. »Falls etwas passieren sollte und ich schnell zuhause sein kann.« Die Vorsicht hat Gründe. Immer wieder hat Elias Gehpausen eingelegt, um zu essen, Insulin abzugeben und den Blutzucker zu kontrollieren. »Drei- bis fünfmal habe ich mir eine kurze Sitzpause gegönnt, um die Beine zu massieren, Gelenke und Waden zu lockern und die Knie zu kühlen.« Die Knie wurden Elias zum »Endgegner«. Mit einfachen Turnschuhen über harten Asphalt, die Belastung hatte er unterschätzt. »Es tat richtig weh. Meine größte Sorge war, dass das Knie rausspringt.«

Insgesamt ist Elias rund 17 Stunden auf den Beinen, davon mehr als 15 Stunden in Bewegung. Den gesamten Lauf hat er zum Beweis getrackt. Als er die 100 Kilometer geschafft hat, setzt er sich auf eine Bank am Feldrand. »Das war schon heftig«, sagt er rückblickend. »Gegen 23 Uhr bin ich dann nach Hause gehumpelt.« Auch da ist der Tag noch nicht vorbei. Er muss essen, den Blutzucker kontrollieren, die Werte beobachten. Erst gegen zwei Uhr nachts geht er schlafen – nachdem sich sein Stoffwechsel wieder stabilisiert hat.

»Ich wollte mit dem Lauf zeigen, was alles möglich ist. Dass eine Krankheit niemals der Grund sein sollte, keinen Sport zu treiben. Diabetes versucht mein Leben zu beeinflussen, aber die Kontrolle habe immer noch ich.« Dieser Satz beschreibt viel von dem, was Elias antreibt. Disziplin besteht für ihn nicht nur aus Anstrengung. Auch Ruhe gehört dazu. Mit täglichen Meditationen und Atemübungen bekommt er inzwischen auch seinen Blutdruck in den Griff. Zehn Minuten morgens, zehn Minuten abends. Nach einem Monat, sagt er, seien seine Werte deutlich gesunken.

Ob der Ultramarathon der Anfang einer längeren Laufkarriere ist, weiß Elias noch nicht. Auf Instagram und TikTok dokumentiert er unter seinem Namen Elias Kudernatsch all seine sportlichen Aktivitäten. Vielleicht startet er im kommenden Jahr bei einem offiziellen Marathon. Konkrete Pläne gibt es noch nicht. Die Vorstellung gefällt ihm trotzdem. »Da hast du eine Ziellinie und Zuschauer, die dich anfeuern. Das wäre schon geil.«

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