Menschen bei uns

Weil Fragen manchmal wichtiger sind als Antworten

, von Martina Kalweit

Ina Schmidt: »Unsichere Zeiten verführen viele, auf einfache Antworten zu hören.«

Reinbek – Ina Schmidts Denkwerkstatt liegt in ihrem Garten. Im sprießenden Grün hat sie sich ein kleines Refugium geschaffen. Zuhause in Hinschendorf sitzt die 53-Jährige gern hier am Schreibtisch. Es ist ein Gartenhaus, kein Elfenbeinturm. Ein Rückzugsort, um Ordnung in den Kopf zu kriegen. Darum geht es.

Seit 1999 lebt Ina Schmidt in Reinbek. Ihr 13. Buch trägt den Titel »Wofür es sich zu denken lohnt – Ein philosophischer Wegweiser für unsichere Zeiten«. Ende Januar hat die gebürtige Flensburgerin, die in Lüneburg studiert und über Martin Heidegger promoviert hat, ihr aktuelles Buch im Reinbeker Ladenlokal »Junes« vorgestellt und zum Gespräch eingeladen. Philosophie im Schaufenster? Ja, das passt. In Reinbek wird nicht allzu viel experimentiert. Im kleinen Rahmen aber funktioniert es. Im Mai soll die Gesprächsreihe deshalb weitergehen – dann über die Freundschaft, die in der Philosophie eine lange Tradition hat.

»Hier leben viele, die sich bewusst dem Trubel der Großstadt entziehen. Das heißt aber nicht, dass sie bequem sind«, antwortet Schmidt auf die Frage nach ihrem Publikum. Allzu bequem mag sie es ja auch nicht. Der Austausch im öffentlichen Raum reizt sie mehr als ein privater Salon.

Auch wenn im öffentlichen Raum gern erstmal alles schwieriger wird. »Es fehlen oft Menschen, die einfach machen. Die wissen, was sie können, aber nicht erst alle Vorschriften rückwärts auswendig lernen, bevor sie den ersten Schritt tun.« Mit diesen Menschen entsteht dann eine Demokratie-AG an der Schule, eine Lesung im Laden oder eine Gesprächsrunde zur gelebten Demokratie. Die nächste ist im Herbst geplant. Am 2. Oktober lädt die VHS zur langen Nacht der Demokratie mit Ina Schmidt in die Stadtbücherei.

Bis dahin sitzt die dreifache Mutter an ihrem neuen Buch. Diesmal eins für Kinder. Seit 2017 veröffentlicht Ina Schmidt auch Bücher für Kinder und philosophiert an Schulen oder bei Festivals mit jungen Denkern und DenkerInnen. »Dabei geht es weder für Kinder noch für Erwachsene um irgendwelche Ratschläge. Ratgeberfans sind meist eher enttäuscht von meinen Büchern«, weiß Schmidt. Warum? »Weil ich keine Handlungsanweisungen gebe. Das kann die Philosophie auch gar nicht. Es geht immer darum, zum Selbstdenken einzuladen.« Es geht darum, zu fragen, zu prüfen, Verbindungen herzustellen und zu reflektieren. »Das setzt voraus, dass man noch gar nicht so recht weiß, was zu tun ist.« Unsichere Zeiten verführen viele, auf einfache Antworten zu hören. Nicht gut. »Deshalb ist es für uns alle so wichtig, das Handwerkszeug zu kennen, um Verunsicherung auszuhalten«, sagt Ina Schmidt.

Denken könnte helfen. Dazu muss man kreisende Gedanken einfangen. Nach Schmidts Überzeugung lässt sich Verunsicherung sehr oft auf konkrete Situationen oder ein konkretes Gegenüber herunterbrechen. An diesem Punkt kann man ansetzen, um hilfreiche philosophische Konzepte zu finden und Praktiken einzuüben, mit deren Hilfe sich wirre Gedanken

(ein)ordnen lassen. So verwandeln sich diffuse Ängste (Die Demokratie geht den Bach runter und ich kann nichts dagegen tun) in konkrete Fragen. Was hindert mich, ins Tun zu kommen? Warum sitze ich mit geballter Faust in der Tasche auf dem Sofa? Wo finde ich Gleichgesinnte? Der Weg ist nicht bequem. Aber er führt hinaus.

Ina Schmidt baut auf die Lust, sich aufeinander einzulassen. Nicht nur über den Kopf und die Ratio, sondern auch sinnlich erfahrbar. Über Gesprächsangebote, die inspirieren und Menschen mit einem anderen Gefühl nach Hause gehen lassen. In Zeiten von immer neuen technischen Möglichkeiten nicht immer einfach. Es braucht wirkliche Begegnung und manchmal Zeit und Mut, sich darin auszuprobieren. Als Autorin für Jugendliche und Kinder steht Schmidt Herausforderungen wie der KI nicht grundsätzlich skeptisch gegenüber. Trotzdem sieht sie die Gefahr, dass eine Generation heranwächst, die das Selberdenken nicht vermisst, weil sie es nie richtig kennengelernt hat. Ein Gedanke, den man »sich selbst gemacht« hat, generiert eine ganz andere Bedeutung. »Wer immer nur Fast Food isst, weiß irgendwann auch nicht mehr, wie selbstgekochtes Essen schmeckt« sagt Schmidt. Schulen und Unis stünden vor enormen Herausforderungen. Aber es stecke auch Potential in der KI als Handwerkszeug.

Genauso wie im philosophischen Herangehen an die Fragen unserer Zeit. Das Handwerkszeug der Philosophie ist uralt und kann immer noch helfen. Ob es Moden und Trends unterworfen ist? So richtig »in« war es wohl nie, sagt Schmidt. Die Kunst ist, zu zeigen, dass philosophisches Denken nicht zwingend anstrengend und mühsam sein muss, auch wenn es oft erst zum Zuge kommt, wenn wir in Krisen oder schwierigen Phasen stecken. »Es gehört zur Selfcare und all den weichen Dingen, die wir im Moment so feiern. Ohne sie, nach meinem Gefühl, so richtig verstanden zu haben.« Feiern ist okay, denken lohnt sich. Und ein Buch, das kein Ratgeber ist? Kann helfen.

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