Menschen bei uns
»Grün ist fotografisch gesehen eine schwierige Farbe«
, von Martina Kalweit

Wir stehen im Wald. Der Schnee ist geschmolzen, die Wege sind leer und um die alte Eiche herum schmatzt der Boden. Der Mann, der diesen Ort gut kennt, kann nicht anders. Er baut sein Stativ auf. »Das Licht ist immer anders«, schwärmt er.
Seit kurzem ist Harald Lemke siebzig. Blutjung im Vergleich zu den hölzernen Riesen, die ihn hier umgeben. Lemke kam im Reinbeker St. Adolf-Stift zur Welt. Im Sachsenwald hat er als Kind gespielt. Die erste Kamera schenkte ihm sein Vater 1968, eine Agfa Rapid. Dann kam der Beruf und mit ihm das Leben in geschlossenen Räumen. »Ich habe Informatik studiert, als das noch exotisch war«, erzählt er beim Weiterwandern. Lemke leitete das Rechenzentrum der Stadt Hamburg, war IT-Direktor der Hamburger Polizei, wechselte zum BKA nach Wiesbaden (»Der Taunus, ein sehr schöner Wald!«) und 2003 als IT-Staatssekretär in die hessische Landesregierung. Dort führte er 2006 ein elektronisches Dokumenten-Management-System ein. »Damit dürfte das Zeitalter von Laufmappen und Botengängen beendet sein« so ein Lemke-Zitat aus dieser Zeit. Der Wald steht still und schweiget.
In der Natur läuft Zeitrechnung anders. Das tut gut. Nach dem plötzlichen Aus in seinem letzten Job trat Lemke aus dem Club der IT-Berater aus. Er wollte einen glatten Schnitt und musste sich den Kopf freilaufen. Sowas geht im Sachsenwald. Besonders gern erinnert er sich an einen schwülen Sommertag. Nach zehn Kilometern legte er eine Pause ein und betrachtete die Äste eines alten Baums. Alt und eigen in einer zunehmend uniformierten Welt. Eine wunderbare Projektionsfläche für Gedanken über sich und die Welt. Inzwischen hält Lemke solche Orte mit der Kamera fest.
»Gefunden habe ich immer wieder Struktur im Chaos. Eine ungeahnte Parallele zu meinem früheren Berufsleben. Darauf kam es immer an. Struktur in ein Chaos zu bringen.« Im Sachsenwald existiert beides. Ein großer Teil des Waldgebiets zählt zum Forstbezirk Rantzau, der kleinere zur Bismarck´schen Försterei. Die Rechtsform der kommunalen Körperschaft mit eigener Gewerbesteuererhebung hat sich nach dem Sachsenwald-Skandal geändert. Am Wald wird das nichts ändern, glaubt Lemke. Die naturnahe Wildnis an schwarzer Au und Bille sind besonders geschützte Gebiete. Ansonsten ist wenig separiert wie in anderen »grünen Oasen«. Separierung heißt: Hier die Fichtenschonung, in der sich weder Tier noch Mensch wohlfühlen, dort umzäuntes Naturschutzgebiet, zu dem der Zutritt verboten ist. Den Menschen bleiben parkähnliche Anlagen wie das Bergedorfer Gehölz, das Niendorfer Gehege oder der Klövenstedter Forst. »Das eigentliche Waldgefühl stellt sich da nicht ein«, sagt Lemke.
»Waldgefühl stellt sich ein, wenn ich auch mal querfeldein gehen kann, die Natur in aller Ruhe auf mich wirken lasse. Wenn ich Erhabenheit spüre.« Der Sachsenwald ist groß genug für solche Gefühle und er ist kein rein kommunaler Wald. Das ist das Besondere. Zwischen Bille und Kammerbek wird keiner per Schild oder Gatter auf die großen Schneisen verwiesen und an der Hand durch den Forst geführt.
Auch menschlichen Käuzen ist Lemke im Wald schon begegnet. »Ich bin ja selbst einer«, lacht er. Es gibt Menschen, die im Wald übernachten. Das weiß Lemke genauso wie die Förster, mit denen er seit dem Erwerb des Jagdscheins und seiner Hege-Tätigkeit im Witzhaver Viert befreundet ist. »Wer im Wald übernachtet, sollte es so tun, dass kein anderer es merkt«, so seine Devise.
Nach einer einstündigen Wanderung stehen wir abseits des Weges und umgeben von eindrucksvollen Baumriesen. Auf seinen Alleingängen macht sich Harald Lemke gern Notizen. Wie leuchten Farbe und Licht, wie fallen die Schatten. »Grün ist fotografisch gesehen eine schwierige Farbe. Auch die beste Technik fängt sie oft nicht verlässlich ein.« Wer seine Fotografien betrachtet, wird diese Skepsis nicht teilen. Seit sechs Jahren betreibt Lemke einen Blog (www.sachsenwaldblog.de). Seit Jahrzehnten erstellt er Kalender mit Motiven seiner Baumporträts. Hinzu kommen Ausstellungen seiner großformatigen Fotografien an Orten rund um den Sachsenwald. Alles eine Spielerei, sagt Lemke, Geld könne man damit nicht verdienen. Er ist sich wohl bewusst, welchen Luxus es macht, darauf auch nicht angewiesen zu sein.
Jetzt pfeift er Hündin Holly bei Fuß, um den Rückweg anzutreten. Wie alt sind die Eichen hier? Sicher 300 Jahre. Sie waren lange vor uns da und werden länger als wir bestehen. Ihre kahlen Äste ragen in den Himmel, an anderer Stelle treiben sie bald schon wieder kräftig aus. Die ältesten Eichen im Sachsenwald zählen vierhundert Jahre. Was da war? Im Dreißigjährigen Krieg kämpfte Dänemarks König Christian IV gegen die kaiserlichen Truppen Wallensteins. Bis zum Frieden von Lübeck 1629 zogen verfeindete Truppen durch den Wald, quartierten sich bei der Bevölkerung ein und zogen plündernd über das Land. Irgendwo wuchs ein zarter Eichentrieb und keiner trat drauf.
»Die alten Bäume des Sachsenwaldes«, eine Fotoausstellung von Harald Lemke vom 20.3. bis 3.5. im Schloss Reinbek. Mittwoch bis Sonntag, 10-17 Uhr. Zur Vernissage am 20.3. um 19 Uhr ist der Eintritt frei.