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Wie wir uns selbst verlieren
, von Hartmuth Sandtner
Der Jenaer Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa sieht im Interview mit Peter Unfried und Harald Welzer in der tazFUTURZWEI N° 37/26 unser Handeln in der Welt zunehmend von sogn. Konstellationen beeinträchtigt. Dazu zählen bürokratische Abläufe wie Pläne, Regeln, Vorschriften, Protokolle oder auch Algorithmen bzw. die technischen Umsetzungsmöglichkeiten. Weil dabei völlig egal ist, wie sich jeweils die konkrete Situation zeigt und auch persönliche Urteilskraft, Augenmaß und Fingerspitzengefühl nicht mehr gefragt sind, führen diese Konstellationen auf der einen Seite zu Burnout und auf der anderen Seite zum Affektstau.
Angebahnt wird für Hartmut Rosa diese Entwicklung, wie er in seinem aktuellen Buch »Situation und Konstellation – Vom Verschwinden des Spielraums« belegt, schon in der frühen Jugend, wo das Kind seine Informationen über die Welt gewinnt. Wo das Kind die Regel lernt, nicht bei Rot über die Straße zu gehen. Wo beispielsweise beim Bau mit LEGO es nicht mehr darum geht, mit dem bloßen Haufen aus Platten, Stangen und Steinen, der nichts vorgibt, kreativ zu werden. Sondern wo es um den Nachbau komplexer Modelle geht – Burg oder Raumstation. Rosa: »Aus dem spielenden Kind ist im Grunde ein vollziehendes geworden. Spielraum gibt es dabei genau genommen keinen mehr – jede Abweichung vom “Plan“ ist ein Fehler, es gibt nur richtig oder falsch.«
Eine Kernthese seines Buches lautet daher, dass wir in zunehmendem Maße von Handelnden zu Vollziehenden (gemacht) werden oder vielmehr: dass wir uns selbst dazu machen. »Aber diese konstellative Logik, dass alles berechenbar, messbar, verlässlich sein muss, die kriegt die Wirklichkeit nicht mehr in den Griff«, argumentiert Rosa. Wir sind dagegen für ihn »zivilisatorisch in einer Situation, wo du Augenmaß und Fingerspitzengefühl brauchst, wo du dich nicht mehr auf Verträge und Zusagen und Kataloge verlassen kannst.«
Politiker, mit denen Rosa spricht, haben selbst das Gefühl, dass sie »extrem konstellativ gefesselt sind«. Sie sind an Fraktionszwänge gebunden. Dann müssen sie sich in der Regierung mit dem Koalitionspartner absprechen. Dann müssen sie sich an EU-Regeln halten. Dann müssen sie das erfüllen, was die transatlantischen Beziehungen verlangen. Da beobachtet Rosa beim manchem schon »einen gewissen Ohnmachtssinn.« Oder er erinnert an die Fußball-WM, als der deut-
schen Mannschaft vom VAR das Siegtor gegen Paraguay verweigert wurde. »Dem Schiedsrichter war durch das Reglement der Spielraum zum Handeln entzogen, er war degradiert zum ausführenden Organ und musste das Siegtor annullieren.«
Rosa bringt als Beispiel, wie er kürzlich im Bayerischen Rundfunk gesagt hat: Geht mal bei Rot über die Ampel. »Dann ist der Redakteur gleich dazwischen gegangen und hat gesagt, nein, nein, liebe Kinder, geht bloß nicht bei Rot über die Ampel.« Rosa: »Aber genau da fängt es an. Du übernimmst situative Verantwortung. Du schaust beim Überqueren der Straße selbst und klärst, wann kommt das Auto? Wie weit ist der Weg?« Das Gegenbeispiel ist für ihn, dass Leute überfahren werden, die bei grün über die Straße gehen. Sie gingen regelgerecht.«
In seinem Buch malt Rosa seine Argumentation näher aus: »Kinder müssen auch ab und zu von einem Baum fallen, in einem Graben landen, sich beim Sprung von der Schaukel das Bein verstauchen (oder auch einmal brechen), vielleicht Prügel austeilen oder einstecken, um handlungsfähig zu werden – um nach und nach (erfahrungsbasiert) Urteilskraft, Augenmaß und Fingerspitzengefühl entwickeln zu können. Das Leben lässt sich nicht in Konstellationen pressen.« Aber Urteilskraft, Augenmaß und Fingerspitzengefühl müssen kulturell eingeübt und erwartet werden. Rosa: »Wir bewegen uns aber in Kontexten, in denen das gar nicht mehr gefragt ist, deshalb brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir sie nicht mehr ausprägen.«
Rosa: »Es gibt die Wahrnehmung, dass Spielräume eng werden, im Denken, im Reden, aber auch in den Handlungsmöglichkeiten. Die Klage ist: Alles wird mir vorgeschrieben. Diese Wahrnehmung erzeugt den Wunsch, dass da einer kommt, der einfach wieder handelt, auch stellvertretend für einen, nach dem Motto Take back control«.
Emotionen landen im Affektstau. Fürs Handeln fehlt mir zunehmend der Spielraum. Hartmut Rosa: »Die Emotionen intensivieren sich losgelöst der konkreten Sache. Und dann laufe ich rum und denke, denen könnte ich allen eine reinhauen, den ganzen Idioten. So erklärt sich meiner Ansicht nach die Entstehung des Rechtspopulismus. Nicht alles daran, aber vielleicht mehr als auf den ersten Blick scheinen mag.«