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Sturm und Drang?
, von Hartmuth Sandtner
Wie geht‘s eigentlich den jungen Menschen in Deutschland, den 14- bis 29-Jährigen, fragt die im März veröffentliche Trend-Studie »Jugend in Deutschland«. Lt. ZDF vom 25.3.26 können sich 41 Prozent vorstellen, künftig lieber in einem anderen Land zu leben. Wenn 14- bis 29-Jährige den Bundestag wählen würden, zeigt sich besonders stark der Zugewinn für die Linke, die mit 25 Prozent erstmals in der Studien-Historie die stärkste Kraft unter jungen WählerInnen darstellt. Die AfD erreicht 20 Prozent, CDU/CSU 14, Grüne 13, SPD 10 Prozent. Nina Kolleck, Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Uni Potsdam, hat die Studie begleitet und beschreibt im Interview mit www.radiodrei.de, wie Jugendliche nicht nur das Vertrauen in die Politik verlieren, sondern auch noch das Vertrauen in die Welt hier in Deutschland und darin, dass sie hier ein gutes Leben führen können.
Zum Kontext Jugend und Wahlen im Hinblick auf die in diesem Jahr noch anstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschlands, passt der Essay von Maximilian Hossner im der Freitag v. 30.4.26 über die Generation Oststolz und den Rapper Schillah (29) – der die Gen Z im Osten elektrisiert. Hossner: »Kaum ein Musiker rappt so erfolgreich über das Lebensgefühl vieler junger Menschen im Osten wie Schillah. Auf dröhnenden Hardtekk-Beats textet Schillah, der eigentlich Nico Klinger heißt, im Gefühlsrausch über Drogen, Schizophrenie, Liebeskummer und immer wieder über den Osten. Allein bei Spotify hören ihn monatlich mehr als eine Million Menschen.« Junge Menschen feiern ihn für seinen Oststolz. Wo er auftritt, wirkt der ganze Ort Stunden vorher wie in Erwartung eines hochrangigen Staatsbesuchs. Hossner: »Schnell bekommt man einen Eindruck davon, wie wichtig Schillahs Auftritt für den Club und die Gegend ist. Beim Konzert gleicht der Club einem Hexenkssel. Manchmal skandiert Schillah: »Ost, Ost, Ostdeutschland«, dann schallt es hundertfach zurück.« Seine Fans beschreiben ihn als »bodenständig, der zeigt, wie es hier wirklich ist.«
Nina Kolleck erklärt sich Schillahs Erfolg auch über das Bedürfnis junger Ostdeutscher, ihre eigenen Lebensrealitäten in der Öffentlich-
keit wiederzufinden. »Oststolz versteht Kolleck dabei weniger als Verklärung der DDR-Zeit, sondern eher als Suche nach Identität. Viele junge Menschen im Osten würden heute Unsicherheiten erleben, sei es wegen Zukunftschancen oder Infrastruktur.« Da wird »Die DDR zur Projektionsfläche für mehr soziale Sicherheit und Gemeinschaft«, sagt Nina Kolleck.
»Warum rappt jemand wie Schillah so viel über den Osten?«, fragt Hossner den Rapper. Klinger will darüber sprechen und trifft sich zum Interview mit ihm in Berlin. Klinger erzählt, wie er in armen Verhältnissen in Gera und Weida aufwuchs. »Seine Mutter habe ihn und seinen Bruder mit drei Jobs über Wasser gehalten, am Ende des Monats habe man Brot mit Ketchup gegessen.« 2022 diagnostizierten Ärzte bei Nico Klinger Schizophrenie. Er kommt in eine Klinik, schläft kaum, wiegt zeitweise nur 45 Kilo. »Nach seiner Entlassung entlädt er all seinen Schmerz in Songs wie Es eskaliert und Besoffen im Osten. Schillah gründet sein Label Eastsideboyz. Inzwischen wird seine Musik millionenfach gestreamt. Heute singen Thüringer Grundschulklassen seine Songs im Chor.«
»Weil viele im Osten weiterhin eine strukturelle Benachteiligung wahrnehmen würden, funktioniere Oststolz als eine positive Selbstverortung«, sagt Nina Kolleck. »Kaum eine moderne Musik ist so sehr mit der lokalen Identität verwurzelt und lässt sich in ihrer Härte so gut als Ventil für Frust benutzen.« Klinger: »Natürlich schwingt da auch dieser ostdeutsche Stolz mit. Endlich haben wir mal was gemacht. Es kommt nicht aus Amerika oder Japan, es kommt aus Ostdeutschland.« Denn vieles im Osten sei rückständiger als im Westen. »Bei uns ist es teilweise, als würdest du in einem ehemaligen Kriegsgebiet herumlaufen. Manche Läden stehen seit der Wende leer, weil sich keiner die Ladenmiete leisten kann«, erzählt Klinger von seiner Heimatstadt Weida (Wikipedia: Gilt als »Wiege des Vogtlandes«, 8.000 Einwohner) »wo es keine Kneipe mehr gebe.«
Hossner beschreibt Nico Klinger beim Interview in Berlin als »in sich gekehrt«. »Schillah will sich zu keinem politischen Lager bekennen. Auf die Frage, was er von der rechtsextremen Vereinnahmung seines Songs Es eskaliert halte, sagt er: „Das ärgert mich natürlich.“ Den Song entfernen kann er nicht, die Rechte daran hat er lange verkauft.« Von der Mischung aus Provokation und Verweigerung politischer Zugehörigkeit fühlen sich Kolleck zufolge gerade junge Menschen mit ihrem Bedürfnis nach Autonomie angesprochen.
Hossner: »Vielleicht steckt in Schillahs lyrischem Gefühlsüberschwang, in dem Bedürfnis nach Autonomie, in dieser kraftvollen Sprache des Hardtekk-Rap auch ein wenig Sturm und Drang. Zum neuen Lebensgefühl der Jugend im Osten würde das passen.«