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Autonomie statt Solidarität

, von Hartmuth Sandtner

Einige von Ihnen erinnern sicherlich noch, dass Anfang dieses Jahres der Regisseur Milo Rau im Thalia Theater in Hamburg einen »Prozess gegen Deutschland« inszenierte. Einige Kommentatoren kritisierten, so würden rechtsextreme Inhalte normalisiert. Als Intendant der Wiener Festwochen, Cross-Over-Festival mit 168 Theater- und Musikproduktionen, Performances und Community-Projekten, widmete sich Rau kürzlich unter dem Motto »It‘s Time for New Gods!« der Frage, welche alten Mythen von der Ilias bis zur Nibelungensage, vom arabischen Banu Hilal Epos bis zu Wagners Parsifal sprechen noch zu uns? »Gott ist tot«, verkündete der Philosoph Nietzsche bereits vor 140 Jahren. Aber sind wir tatsächlich so gottlos? Auf der Suche nach alten und neuen Göttern und Mythen fragt Rau gemeinsam mit KünstlerInnen und AktivistInnen aus 20 Ländern: Sind wir nicht tiefer denn je geprägt von Glauben und Aberglauben, von der Angst vor dem Weltende und der Hoffnung auf Erlösung?

Im Kontext dieses Programms wollte Milo Rau, wie der spiegel mutmaßt, »Mut zur Debatte zeigen« und machte das Gespräch mit Peter Thiel zum Hauptact des Festivals. Doch dann hat Rau die für den 7. Juni geplante Show mit Thiel Anfang Juni abgesagt, was ihm von der FAZ die abschätzige Benotung »reflexives Knallerbsentum« eintrug. Vorangegangen waren, wie der spiegel notiert, »Proteste in diversen sozialen Medien und wohl auch Drohungen zahlreicher zum Festival geladener Gäste, den Festwochen im Fall eines Thiel-Auftritts fernzubleiben.«

Wer ist dieser in Deutschland geborene, wohl 30 Milliarden Dollar reiche US-, Malta- und vielleicht neuerdings auch Argentinischer Bürger Peter Thiel, außer dass er Paypal, Facebook, Palantir, Space-X und Linke-din finanzierte oder sogar gründete und von Anfang an Trump finanziell unterstützte? In welchem Kontext wird er gesehen? »Thiel, Jahrgang 1967, steht für den Rechtsruck im Silicon Valley«, sagt Matthias Dusini im Österreichischen Falter v. 2.6.26. »Ökonomisch bekämpft der Libertäre jede staatliche Regulierung. Politisch liebäugelt der bekennende Katholik mit der Abschaffung der Demokratie.« Seine theologischen Prämissen, wie u.a. das biblische Motiv des Katechon, des Aufhalters, verbinden ihn nicht nur mit Alexander Dugin, dem Chef-Ideologen Wladimir Putins, sondern sind auch der Schlüssel zum Verständnis der Trump-Administration, erklärt Harry Nutt im der Freitag v. 3.6.26 (t.ly/zqjRy) unter der Überschrift »Was wollen Peter Thiel und Alexander Dugin mit dem biblischen Motiv des Katechon?« Dabei verweist er auf den gerade erschienenen Essay »Der Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart« (Klett-Cotta) des Historikers Volker Weiß, der darin den Spuren eines radikalisierten Weltverständnisses nachgeht, in dem von Apokalypse, Antichrist und Armageddon die Rede ist. Matthias Dusini: »Die Sprengkraft von Thiels Ansichten zeigt sich in einem größeren Zusammenhang. In rechten Zirkeln ist der Katechon nichts anderes als ein Codewort für die militante Ablehnung der Demokratie. In dieser extremen Denkschule fällt die Rolle des Aufhalters Russland zu. Putin habe die Aufgabe, die alte christliche Ordnung in einer Welt der Sünde zu verteidigen.«

Aus der Perspektive von Dugin, aber auch der von Peter Thiel, sind westliche Lebensweise und Liberalismus Ausgeburten des Antichristen, was er in mehreren Vorträgen und Interviews erläutert hat. Zu den Maßnahmen des Aufhalters könnte nach Ansicht des russischen Politologen Sergej Karaganov auch der Einsatz einer Atomwaffe gehören, einer »Armageddon-Waffe«, gegen eine westliche Stadt. Weiß Matthias Dusini im Falter.

»In den libertären Ideen Thiels geht es um die biblische Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse«, so Jannis Brühl in der Süddeutschen vom 2.6.26 unter der Überschrift »Wie denkt Peter Thiel?« Dass Thiel sich Richtung Argentinien orientiert, passt Brühl zufolge »zu seiner Vorstellung von einem Unternehmerstaat und apokalyptischen Vorstellungen um den Antichrist.« Und zu seinem Contrarian-Denken, »in dem die Freiheit des Einzelnen Vorrang vor gesellschaftlichen Interessen hat.«

Für den Philosophen und Psycho­analytiker Daniel Strassberg im Schweizer Onlinemagazin republik.ch v. 2.6.26, (t.ly/-XHna) »hat der alte Kapitalismus ausgedient – die neue Theologie über­nimmt« und das mit rechtsextremen Inhalten. Aber nicht nur das. Strassberg erkennt »ein linkes Spiegelbild der thielschen Welt­anschauung«. Zum Ende seines Essays wird er ganz persönlich: »Als ich vor 43 Jahren meine Arbeit als Psycho­therapeut aufnahm, galt über alle Schulgrenzen hinweg der Mensch zuallererst als Beziehungs­wesen. Allerdings bedeutet das, dass auch die Abhängigkeiten nie ganz verschwinden. Die obersten Ziele der modernen Therapien sind Autonomie und nicht der Umgang mit Abhängigkeit, Eigen­verantwortung und nicht die Solidarität, das Sich-Spüren und nicht das Spüren der anderen. Diese solipsistische Ideologie, neo­buddhistisch verbrämt, hat – wie durch einen unterirdischen und unsichtbaren Fluss verbunden – die heutige Psychotherapie­szene gekapert. Das Heil liegt darin, ausschließlich auf sich selbst und seine Bedürfnisse zu achten.«

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