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»Ständig unter Strom«
, von Hartmuth Sandtner
»Männer weinen heimlich«, sang Herbert Grönemeyer im Mai 1984. Zu seinem 70. Geburtstag im April wurde er mit einer ARD-Doku gefeiert. Der so hoch gelobte wusste schon damals: »Männer stehen ständig unter Strom«.
»Unsere Gesellschaft erwartet von Männern, dass sie unabhängig und stark sind, keine Emotionen zeigen und sich fast ausschließlich auf die Arbeit und Karriere konzentrieren«, sagt die Entwicklungs- und Sozialpsychologin an der London School of Economics, Angelica Ferrara, im Interview mit Luisa Jacobs in der Zeit (10.3.26). Und Ferrara spitzt es zu: »Männer sind so einsam wie noch nie.«
Müssen wir uns Sorgen machen über die jungen Männer? fragt Matze Hielscher in seinem Interview-Podcast Hotel Matze den Youtuber Marcant (23), einen der bekanntesten Polit-Influencer in Deutschland, der seit einem Jahr deutschlandweit zu Protesten Rechtsextremer reist und rechtsextreme Konzerte besucht, um dort mit Rechtsextremen zu diskutieren – über ihre Ansichten und Einstellungen, auch zu Migranten und rechter Gewalt. Und Marcant antwortet: »Müssen wir. 100 Prozent. Es fehlen die Vorbilder. Aber wir müssen uns auch über andere Generationen und Altersgruppen Sorgen machen.«
Im Interview mit Sebastian Leber vom Tagesspiegel (23.1.26) unter der Überschrift »Mit Nazis spricht man nicht – oder doch?« verrät er, was ihn treibt: Einerseits Neugier. »Ich möchte wirklich verstehen, wie Rechtsextreme denken«. Andererseits sein Wunsch, »Aufklärung zu betreiben, seinen Zuschauern zu zeigen, wie falsch, unlogisch und menschenverachtend rechtsextremes Gedankengut ist.« Videos seiner Gespräche stellt er ins Netz. Er ist überzeugt: »Man muss dort stattfinden, wo Radikalisierung passiert – also im Internet, vor allem auf Social Media.« TikTok ist für viele junge Menschen der Einstieg in die Radikalisierung. Marcant: »Da geht es um Teenager, die dir auch im Supermarkt begegnen können. Die tragen plötzlich rechtsextreme Inhalte weiter. Und das funktioniert wie bei einem Schneeballsystem.«
Er findet es fahrlässig, wie stark demokratische Parteien das Thema noch immer unterschätzen.« Auf seinen Kanälen (YouTube, Instagram und TikTok) folgen ihm Hunderttausende, mit seinen Beiträgen erreicht er Millionen. Er stellt fest: »Die jungen Männer sind immer mehr im Internet, sind einsam, haben irgendwie Angst, Frauen anzusprechen, weil sie nicht genau wissen, wie.« In dieser Krise entsteht dann eine große Offenheit für eine Radikalisierung im Internet, was auch viel mit Rebellion zu tun hat. Motto: »Ich bin nicht ein schwacher Mann und lasse mich feminisieren, sondern ich bin hart, ich kann Muskeln aufbauen, ich zeige der Frau, wo es lang geht.«
Sebastian Leber fragt: »Haben Sie keine Bedenken, Rechtsextremisten mit Ihren Interviews eine Bühne zu geben?« Seine Antwort: »Die Frage ist berechtigt. Aber wir müssen ehrlich sein: Rechte haben heute eine enorme eigene Reichweite. Teilweise mehr als klassische Medien. Da ist es fast absurd, so zu tun, als würden wir ihnen erst durch Gespräche Sichtbarkeit geben.« So benennt er es zum Beispiel, wenn Interviewpartner Verschwörungserzählungen verbreiten oder dass die »444«, die sich eine Teilnehmerin auf den Hals tätowiert hat, »Deutschland den Deutschen« bedeutet. »In den Talkshows im Fernsehen«, kritisiert er, »ist es oft leider umgekehrt: Rechte bestimmen das Tempo und werden nicht konsequent gestellt.« Auf der Straße hat er das Mikrofon und entscheidet, mit wem er über welche Themen sprechen möchte. Marcant: »Wenn sie vom Veranstalter der Demo die Ansage bekommen: «Mit dem Typen wird nicht gesprochen«, dann sage ich: »Kannst du das etwa nicht selbst entscheiden? Hast du keinen freien Willen?«
Jeder darf seine Clips nehmen, schneiden, neu hochladen. Inzwischen sind das fast tausend Accounts auf allen Plattformen. Marcant: »Das ist eine Vervielfältigungsmaschinerie. Wir reden da über zig Millionen Aufrufe. Und die Menschen, die Teil davon sind, erleben Selbstwirksamkeit und erkennen, wie wichtig es ist, demokratische Werte zu leben und zu vertreten.«
Wie gefährlich sind Ihre Drehs, fragt Sebastian Leber. Marcant: »Es gibt Morddrohungen. Deswegen vermeide ich Öffentlichkeit und habe mein soziales Leben stark eingeschränkt. Ich gehe Umwege. Ich höre manchmal meinen Namen, auch wenn niemand da ist.« Leber: »Haben Sie schon ans Aufhören gedacht? Marcant: »Das ist für mich tatsächlich eine moralische Frage: Ich weiß, welchen Einfluss ich auf junge Menschen habe. Würde ich aus Angst aufhören, könnte ich nicht mit mir leben.«
Herbert Grönemeyer sagt in der ARD-Doku: »Wir unterschätzen, was wir untereinander freisetzen können – in Gesprächen und Auseinandersetzungen. In uns tragen wir ’ne große Chance, uns gegenseitig viel Freude zu bereiten.«