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Misstrauen als Identität?

, von Hartmuth Sandtner

Oliver Meiler interviewt am 17.1.26 in der süddeutschen die französisch-marokkanische Bestsellerautorin Leila Slimani anlässlich der Vorstellung ihres neuen Romans »Trag das Feuer weiter« über ihre Familiengeschichte und die innere kulturelle Zerrissenheit ihrer Identität. Am Ende des Interviews sagt sie: »Die Tech, die Tech, die Tech! Sie macht, dass wir wie Goldfische leben, ferngesteuert.«

Der Philosoph Peter Sloterdijk, 78, hat noch einmal Machiavelli gelesen »um den globalen Wahnsinn zu verstehen« und sieht uns im Interview mit Alexander Cammann in der ZEIT v. 29.3.26 gar als »Teil einer kabarettistischen Perversion« und sagt voraus: »Der Rückfall in die Seriosität wird schrecklich sein.« Zudem prognostiziert er als nächste Etappe der Kriegsführung die »Militarisierung des Weltalls« und sieht in unserer Zukunft als große Gefahr »die Resignation: dass man sich in ein lokales Depressionsloch fallen lässt und sich sagt, da kommen wir nicht mehr raus.«

Welche Rolle bleibt mir im Goldfischteich? In welche Identität ruft mich das Kabarett? Wähle ich die freiwillige Unterwerfung? Und was ist dann mit dem Auftrag »Trag das Feuer weiter«? Oder wähle ich den Rückzug aus der Gesellschaft der vielen Kulturen in eine Gemeinschaft der Ähnlichen?

Isolde Charim, österreichische Philosophin, Publizistin und wissenschaftliche Kuratorin berichtet in der österreichischen Wochenzeitung Falter vom 25.3.26 unter dem Titel »Die rechtsextreme Parallelgesellschaft« von einem kleinen Dorf tief im US-Bundesstaat Arkansas, das – wie sie schreibt – »seit einiger Zeit durch die Medien geistert.« Das, was bisher als Vorwurf gegen migrantische Gruppen galt, – sich abzusondern – wird dort jetzt aufgebaut: »Return To The Land« (RTTL) nennt sich das Projekt. Wer dort leben will, muss von »europäischer Abstammung« sein, »weiß, christlich und traditionsbewusst«. Das kleine Dorf, so Charim, »folgt dem Trend zur Enklave, zur Entmischung. Dieser Trend reicht von den sogenannten Reichsbürgern und Selbstverwaltern bis hin zu US-Investor Peter Thiel. Thiels Privatstädte sollen Enklaven sein, von jeder Demokratie “befreit“, jenseits des Staates, einer ausgewählten Kundschaft vorbehalten.« Charim verweist auf eine Reportage von Rieke Havertz, erschienen auf www.zeit.de, am 3.11.25 unter dem Titel »Ganz der gute Nachbar«, in der Havertz vom Besuch in dem 65 Hektar großen Land bei Eric Orwoll berichtet, im Dorf nur für (derzeit 40) Weiße mit Stammbaum.

»Besonders bitter« ist für Isolde Charim der Umstand, »dass solche Projekte seit 2008 durch die Wahl Barack Obamas zum US-Präsiden-

ten enormen Aufwind erhalten haben.« »Bitter«, schreibt sie, »denn es zeigt, wie ambivalent jeder gesellschaftliche Fortschritt ist: Hart erkämpft, produziert er den eigenen Backlash.« Für sie ist es »kein Wunder«, dass all diese Bewegungen gerade heute gedeihen, »wo der Backlash in der Regierung sitzt. Da ist ihnen das kulturelle, das politische und das rechtliche Klima gewogen. Denn eine Regierung, die solch einen Separatismus befördert, befördert einen Rückzug – nicht nur aus der Demokratie, nicht nur aus dem Staat, sondern auch aus der Gesellschaft überhaupt.«

Aus der Gesellschaft raus bewegen sich auch die »Misstrauensgemeinschaften«, von denen Aladin El-Mafaalani, Professor für Soziologie an der TU Dortmund in der aktuellen taz FUTURZWEI Nr. 36 berichtet – im Interview mit Peter Unfried über sein gleichnamiges Buch. Ausgangspunkt für sein Buch war für El-Mafaalani die persönliche Überraschung, dass »selbst Menschen, die mich persönlich lange und gut kennen, ein generalisiertes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft [haben].« Besonders besorgt ihn: »Menschen vertrauen anderen Personen allein oder hauptsächlich aufgrund des gemeinsam geteilten Misstrauens. Nicht aus Vernunftsgründen. Und diese Vergemeinschaftung ist auf Feindschaft ausgerichtet. Sie richtet sich gegen die etablierten gesellschaftlichen Systeme und auch gegen die Demokratie.« Und die Kommunikation läuft digital, über alternative Medien in allen gesellschaftlichen Bereichen – nicht nur in der Politik. El-Mafaalani: »Man wird eine Art Team«.

Isolde Charim erklärt in ihrem Buch »Die Qualen des Narzissmus – Über freiwillige Unterwerfung«: »Eine Anrufung bildet die jeweilige Ur-Szene unserer Identität.« Ist Misstrauen gegen Politik, Rechtssystem, Journalismus oder Wissenschaft die Folge einer Art »Anrufung« in freiwilliger Unterwerfung unter eine imaginäre Autorität? Mit dem Ergebnis: Ich gehöre (jetzt) zu denen, die erkennen: Ihr seid gar nicht demokratisch, ihr seid elitär, ihr raubt unsere Freiheit. – Befreit mich meine so gewonnene Identität aus meiner Rolle im Goldfischteich oder Kabarett? Ist dann mein »Feuer«, das ich weitertrage, mein Misstrauen? –

Isolde Charim: »Freiwillige Unterwerfung – das ist eine Verstrickung, die sich nur sehr schwer auflösen lässt«…

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