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»Manfluencer«
, von Hartmuth Sandtner
Am 5. März demonstrierten am Potsdamer Platz in Berlin lt. Veranstalter etwa 10.000, lt. Polizei 3000 Menschen gegen Krieg und eine mögliche Wehrpflicht. Mit dabei der Sechs-Klässler Fiete Schauer mit seinem Schild »Sterben steht nicht auf dem Stundenplan«. »Wer wegen des Streiks im Unterricht fehlt, fehlt unentschuldigt«, verkündet die Berliner Bildungsverwaltung. Das seit dem 1. Januar geltende neue Wehrdienst-Gesetz sieht keine Pflicht vor, sondern setzt auf Freiwilligkeit. Aber Pflicht ist: 18-jährige junge Männer müssen einen Fragebogen ausfüllen und zurücksenden. »Manche junge Menschen haben Sorge, dass aus der Freiwilligkeit am Ende doch eine Pflicht wird.« sagt Edgar Vogel, Sprecher Schulstreik gegen Wehrpflicht. »Das ist auf jeden Fall eine große Angst, weil auch Pistorius gesagt hat, wenn es die Freiwilligkeit nicht tut, dann müssen wir eben auch zu einer richtigen Pflicht übergehen. Deswegen stehen wir auf der Straße, weil wir sagen: keinen Schritt in diese Richtung.«
Betroffen von einer Einberufung wäre die Generation Z, jene Jugendlichen ab 16 Jahren, für die der Influencer Andrew Tate auf Social Media ein radikales Männerbild verbreitet und »damit Millionen erreicht«, wie Anna Lea Jakobs unter der Überschrift »Der gefährliche Backlash der Generation Z« in der Süddeutschen vom 9.3.26 notiert. »Will die Gen Z gar nicht arbeiten?«, fragt Ruth Fuentes in der tazfuturzwei Nr. 36 und berichtet vom Gegenteil: »Die Gen Z findet keine Arbeit«. So wenigstens vermeldete es kürzlich das ZDF. Mit Backlash meint Jakobs die anlässlich des Internationalen Frauentags im Internet diskutierte aktuelle Studie, erstellt vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos in Zusammenarbeit mit dem King’s College London. Danach glaubt »ein Drittel der männlichen Vertreter der Gen Z, also jener Jugendlichen und Männer zwischen 16 und 30 Jahren, dass Frauen ihrem Ehemann „immer gehorchen“ sollten.« Eine Mehrheit meint, Männer würden heute diskriminiert. Auf Tiktok, Youtube und Co. predigen Manfluencer jungen Männern, »weibliche Selbstbestimmung sei ein Feindbild, ein Alphamann müsse vor allem eines sein, und zwar ein richtiger Kerl: dominant, rücksichtslos, tendenziell frauenfeindlich.« Jakobs fordert: »Frühzeitige Präventionsprogramme könnten Jungen und Männer stärker in den Blick nehmen, sodass sie weniger anfällig sind für Manfluencer in den sozialen Medien. Entsprechende Programme sollten hierzulande stärker an den Schulen verankert werden.«
Ob Schulen für sowas wirklich der richtige Ort sind, darüber hätte Albert Einstein sicher früher eine andere Meinung vertreten. Klaus Nüchtern zitiert in einer »Warum Krieg?« überschriebenen Mail der österreichischen Wochzeitung Falter.at aus Einsteins Plädoyer »Für einen militanten Pazifismus«: »Unsere Erziehung beginnt in der Wiege. Die Mütter der ganzen Welt haben die Verantwortung, ihre Kinder im Sinne der Friedenserhaltung zu erziehen.« Klaus Nüchtern belässt es nicht bei der Verantwortung der Frauen, sondern ergänzt: »Väter, ihr seid mitgemeint!« Und Nüchtern holt den berühmten Briefwechsel zwischen Einstein und Sigmund Freud hervor, der unter dem Titel »Warum Krieg?« im Sommer/Herbst 1932 publiziert wurde. Darin stellt Einstein sich bzw. Freud die Frage, wie es möglich sei, dass eine Minderheit von Kriegsprofiteuren »die Masse des Volkes ihren Gelüsten dienstbar machen kann, die durch einen Krieg nur zu leiden und zu verlieren hat«? »Die Minderheit der jeweils Herrschenden«, so lautet Einsteins Antwort, »hat vor allem die Schule, die Presse und meistens auch die religiösen Organisationen in der Hand. Durch diese Mittel beherrscht und leitet sie die Gefühle der großen Massen und macht diese zu ihren willenlosen Werkzeugen.«
»Die Antwort, die sich Einstein auf seine Frage selbst gibt, fällt nicht weniger ernüchternd aus«, resümiert Klaus Nüchtern, »als diejenige Sigmund Freuds, der bekanntlich einen Todestrieb postulierte.« Und auch von Einstein weiß Nüchtern diesen Satz: »Im Menschen lebt ein Bedürfnis zu hassen und zu vernichten.«
»Junge Männer brauchen andere Rollenvorbilder«, appeliert Anna Lea Jakobs, und verweist auf Tiktok, wo Tradwives und Manfluencer ein Weltbild von männlicher Dominanz und weiblicher Unterordnung propagieren. »Die Gleichstellungspolitik muss darauf endlich reagieren. Noch immer leisten Frauen 44 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer, Mütter gehen nach wie vor deutlich häufiger und länger in Elternzeit. Dabei ist gerade die Elternzeit entscheidend für die zukünftige Aufteilung der Sorgearbeit und ein Vorbild.« –
Für Klaus Nüchtern heißt die Konsequenz: Alle Weltanschauungen, seien sie religiöser oder säkularer Natur – die Grenzen sind für ihn sowieso fließend – »die bereit sind oder gar fordern, die nackte Existenz und die physische sowie psychische Integrität der Individuen irgendwelchen höheren Zwecken und Zielen zu opfern, verdienen unser grundsätzliches Misstrauen.«