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»Wir können auch ganz anders«

, von Hartmuth Sandtner

»Wir haben uns alle ins Misslingen verliebt«, sagt Dr. Carsten Brosda, seit 2017 Leiter der Behörde für Kultur und Medien in Hamburg, in seinem Essay in der ZEIT v. 8.1.26. »Das nervt nicht nur, es ist brandgefährlich.« Ähnlich sieht es die deutsch-französische Politikwissenschaftlerin und NATO-Strategin Dr. Florence Gaub (Buch: »Szenario – Die Zukunft steht auf dem Spiel«) im falter.at-Interview v.20.1.26: »Es nervt mich, wenn ich Nachrichten sehe und es immer darum geht, wie hilflos wir in Europa sind. Europa ist eine riesige Wirtschaftskraft und hat nach zwei Weltkriegen einen Kontinent des Friedens geschaffen.«

Carsten Brosda erinnert an den Philosophen Ernst Bloch, der vor mehr als 70 Jahren mahnte: »Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt«, und fordert: »Es ist dringend nötig, diese Erkenntnis jedem Einzelnen im Land wieder ins Bewusstsein zu hämmern.« Brosda sieht die Öffentlichkeit zu einem besonderen Überbietungswettbewerb verkommen: »Gewonnen hat, wer die dramatischste Beschreibung des bevorstehenden Untergangs liefert.« Dabei liegen, wie Florence Gaub in ihrem Buch zeigt, »die meisten großen Würfe in Sachen Zukunft der Weltpolitik« am Ende sowieso mehr oder weniger daneben.

Gaub hinterfragt in ihrem Interview die diversen Defätismusgeschichten unseres Medienalltags wie: Ohne die Amerikaner würden wir sofort von Russland überrannt. Die NATO zerfällt. Trump II sieht Europa als Feind. Er will sich Grönland einverleiben. Die Weltordnung bricht weg, das Faustrecht dominiert über das Völkerrecht. Gaub: »Wir erleben gerade kollektiv einen sogenannten future shock. Da kommt zu viel zusammen: Die geopolitische Unsicherheit, die Versprechen, aber auch Gefahren der künstlichen Intelligenz, der Klimawandel und eine Krise der Demografie.« Und sie erklärt: »Das menschliche Gehirn hat eine Tendenz zur Intoleranz gegenüber Ungewissheit. Es identifiziert bei zu viel Veränderung alles Fremde als gefährlich. Das führt zu Xenophobie, zur Fremdenfeindlichkeit.« Es sei, so Gaub, »eine politische Herausforderung, diese Ängste zu zähmen, anstatt nur einen »Kampf gegen rechts« auszurufen.

Carsten Brosda: »Wenn so viele Menschen mit dem Status quo unzufrieden sind, reicht es nicht, ihnen zu sagen, dass sie falschliegen. Wenn sich jeden Abend beobachten lässt, wie politisch Verantwortliche übellaunig bis gereizt nebeneinandersitzen und aneinander vorbeireden, entsteht der Anschein, dass es gar nicht anders sein kann, dass die Politikerinnen und Politiker es nie schaffen werden, irgendetwas zu verbessern.« Darin sieht er den »besten Nährboden für populistische und autoritäre Fantasien«. Und noch schlimmer läuft es auf den digitalen Plattformen. Brosda erwähnt eine Studie, nach der stimmen 78% der Befragten der Aussage zu: »Wir fahren das Land vor die Wand, wenn wir so weitermachen wie bisher.«

Eine ähnliche Formulierung habe ich dieser Tage auch auch noch für einen anderen Kontext gehört: Am 25.1.26 im standard.at-Interview mit der US-Expertin Sandra Navidi (t.ly/06ndQ). «Ich glaube, Amerika wird das System vor die Wand fahren.« Sie kam als Jugendliche früh nach Amerika, hat sich »direkt in das Land und in die Menschen verliebt« und lebt seit mehreren Jahrzehnten als Rechtsanwältin in der Finanzwelt der USA. Sie hat drei Bücher geschrieben und ist Bestseller-Autorin. Sie erzählt, wie sie schon vor zwei Jahrzehnten verstört wurde, als sie im Rahmen einer Dinner-Einladung Milliardäre, Wohlhabende aus Manhattan kennenlernte, »wie brutal diese auf andere Menschen und auf die Natur geschaut haben, auf die Gesellschaft als solches. Wie sie gesagt haben, wir haben die Macht. Wir sind die Besten und Tollsten mit den tollsten Genen. Und wenn wir den Planeten zerstören wollen, der ist für uns da, dann nehmen wir uns das.« Sie äußert sich deswegen so offen dazu, weil sie ganz ähnliche Entwicklungen in Europa sieht. »Aber ich denke«, sagt sie, »im Gegensatz zu den USA hat Europa noch eine Chance. Es ist zwar 5 vor 12 und Deutschland geht natürlich total auf die Nerven mit seinem Pessimismus, dem sich selbst ein Bein stellen, dem sich selbst sabotieren. Aber ich glaube, Deutschland und Europa haben das Potenzial, auch zu wachsen. Sollte ich heute Kindern von Freunden raten, in die USA zu gehen, würde ich sagen, auf gar keinen Fall. Nicht nur, weil es nicht mehr so schön ist wie damals, sondern einfach auch, weil ich es für sehr gefährlich halte, völlig unvorhersehbar, unkalkulierbar.«

Carsten Brosda: »Wir können es auch ganz anders machen. Politik ist kein Geschäft. Politik ist der Streit um die richtigen Antworten, um Wahrheiten, um eine bessere Zukunft.« »Warum haben ausgerechnet Menschen in Demokratien, die das freieste und selbstbestimmteste Leben führen können, die größte Zukunftsangst?«, wird Florence Gaub gefragt. Gaub: »Das ist eine Nebenwirkung der Freiheit. Diese Ungewissheit müssen wir normalisieren und mehr darüber sprechen, wie wir unsere Zukunft realistisch gestalten wollen. Denn nicht Defätismusgeschichten schreiben die Zukunft, sondern Entscheidungen und Handlungen, und das auch in der Weltpolitik.«

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