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Erfahrungsarmut
, von Hartmuth Sandtner
Marie Gundlach hinterfragt in der süddeutschen vom 22.2.25 unter der Überschrift »Wir sind machtlos« die Debatte nach einem Verbot von Social Media für Kinder unter 16 oder unter 14, wie es in Ländern wie Australien und Frankreich schon umgesetzt wird. Österreich kündigt solches an. Deutschland überlegt ein Verbot. Spanien und Dänemark planen Restriktionen. »In sozialen Netzwerken haben Menschen unter 14 nichts verloren«, schrieb Die Zeit. Und Gundlach zitiert Bundeskanzler Friedrich Merz aus einem Podcast mit dem Titel »Machtwechsel«, wo er sagt : »Wenn Kinder heute im Alter von 14 Jahren bis zu fünf Stunden und mehr Bildschirmzeit haben am Tag, wenn die gesamte Sozialisation nur noch über dieses Medium stattfindet, dann brauchen wir uns über Persönlichkeitsdefizite und Probleme im Sozialverhalten von jungen Menschen nicht zu wundern.« »Um Kinder zu schützen«, fordert Marie Gundlach, »muss man sie auf politischer Ebene ernst nehmen, ihnen beibringen, wie man Gefahren einschätzt und mit ihnen umgeht.« Denn zwar könne man fünf Stunden Dauerscrollen bei Tiktok, aber auch Lernvideos oder kluge Kinderserien schauen auf Youtube, sich mit dem Sportverein absprechen, mit Freunden gemeinsam Videospiele spielen, Vokabeln lernen. Gundlach fragt: »Was soll davon staatlich verboten werden und was nicht?« Im Podcast erwidert allerdings der Kanzler auf das Argument, man müsse Kinder an digitale Medien heranführen: »Dann müssten Sie auch Alkohol in der Grundschule ausgeben, damit sie sich dran gewöhnen.«
Markus Reuter, Journalist im Kontext von netzpolitik.org, beobachtet, wie die Debatte um das Social-Media-Verbot immer undifferenzierter und härter wird. »Hilflose Eltern im Kampf um die leidige Bildschirmzeit freuen sich, dass der Staat irgendetwas tut, wenn sie schon den Medienkonsum ihrer Kinder nicht unter Kontrolle bekommen.« Aber ein Social-Media-Verbot für Jugendliche wäre falsch, so Reuter. »Es gibt sehr gute Argumente dagegen. Die Regierung traut sich nicht an die Wurzel heran. Süchtig machende Designs und intransparente, polarisierende und letztlich demokratiezerstörende Algorithmen schaden nicht nur Jugendlichen. Statt vorhandene Gesetze durchzusetzen, Regulierungen auszuschöpfen und intelligente neue Regeln zu überlegen, wählt man den einfachen Weg – und will denjenigen die sozialen Medien wegnehmen, die keine politische Vertretung haben.« »Statt gegen große Tech-Konzerne wenden sich die Anstrengungen des Staats gegen die eigene Bevölkerung«, so Marie Gundlach. »Ein Verbot wäre daher auch eine Kapitulation vor Big Tech.« »Wir haben unsere Kinder viel zu lange damit allein gelassen«, zitiert Gundlach Familienministerin Karin Prien (CDU) in der ARD über soziale Medien. Gundlach: »Die logische Schlussfolgerung daraus scheint zu sein: Wir lassen sie einfach ein bisschen später damit allein.«
Dabei schützt Alter nicht vorm Internet, wie die Philosophin, Publizistin und wissenschaftliche Kuratorin Isolde Charim in der österreichischen Wochenzeitung Falter.at belegt. Und das ist das Problem. Isolde Charim: »Erfahrung ist das, was ältere Menschen jahrhundertelang an jüngere weitergegeben haben. Früher.« Inzwischen aber ist mit der Entfaltung der Technik eine neue Armut über die Menschen gekommen – »eine Erfahrungsarmut. Älterwerden bedeutet heute: sich immer weniger auskennen. Und nicht: mehr wissen. Denn das alte Wissen, das man im Laufe eines Lebens angehäuft hat, funktioniert nicht mehr.« Deshalb haben Ältere keinen Erfahrungsvorsprung vor Jüngeren im Umgang mit sozialen Netzwerken. Charim: »Mit der Haltung, junge Menschen unter 14 hätten in sozialen Netzwerken nichts verloren (siehe oben), versucht man, sich selbst davon auszunehmen, einen Teil jener Autorität zurückzuerlangen, die die neuen Technologien längst abgeschafft haben.« Und sie erwähnt ein Spaßportal, in dem Jugendliche kürzlich ein soziales Medienverbot für Menschen über 40 forderten.«
Die Vorstellung, die älteren Semester seien vernünftiger, selbstbestimmter, so Charim, »ist eine Illusion. Menschen unter 14 hätten da nichts verloren ist ein grundlegendes Verkennen – und ein gefährliches Missverständnis. Es beruht auf der Illusion der eigenen Mündigkeit. »Man kann aber nicht ein System haben, das Selbstbestimmung zu unterminieren versucht – und dann auf diese pochen.« Derzeit, schreibt Charim, gibt es einen exemplarischen Prozess in Kalifornien gegen Online-Plattformen. Die Klage beruht auf dem Suchtpotenzial sozialer Netzwerke, die Jugendliche absichtlich in Abhängigkeit führen. Mit negativen Folgen wie Depressionen und Suiziden. Der Prozess bezieht sich auf Jugendliche. Denn deren Ausgeliefertsein ist leichter zu argumentieren. Tatsächlich aber sind die Algorithmen darauf ausgelegt, den souveränen Umgang mit ihnen zu korrumpieren. Das hat zur Folge, dass die Erwachsenen ebenso unsouverän und selbstentmündigt den sozialen Medien ausgeliefert sind.