re-view
»Die Zeit ist aus den Fugen«
, von Hartmuth Sandtner
Im taz-Magazin »FUTURZWEI« N° 35/2026 widmen sich Peter Unfried und Harald Welzer unter dem Titelthema »Wohnzimmer der Gesellschaft« den »vorhandenen Ressourcen der Demokratie«, verbunden mit der Frage: Wie schaffen wir es, den Menschen Räume bereitzustellen, »in denen sie analog reden, debattieren, Pläne machen, streiten oder einig sein können?« Im Interview mit Harald Welzer fordert der Psychologe und Marktforscher Stephan Grünewald dazu auf, nach dem Vorbild der »Bremer Stadtmusikanten« tätig zu werden entsprechend deren Motto »Was Besseres als den Tod finden wir überall.«
Grünewald hat letztes Jahr im Frühsommer mit dem von ihm mitgegründeten rheingold-Institut eine große Verbundenheitsstudie gemacht. 89 Prozent haben das Gefühl, wir seien mittlerweile eine entzweite Gesellschaft. Ebenso viele sagen, die Aggressivität im Miteinander habe zugenommen. Obwohl fast 80 Prozent der Leute sich danach sehnen, dass wieder Verbundenheit entsteht, tun viele unbewusst genau das Gegenteil. Grünewald: »Sie bilden in ihren Sozialkreisen zunehmend eine Art Wagenburg-Mentalität aus, beschreiben uns, dass sie anfangen, all diejenigen auszusortieren, die anstrengend sind, die eine andere Meinung haben.« Das führt zu »Silos« mit Fundamentalisierungstendenz, erklärt der Psychologe. »Und die Silos sind nicht mehr im Gespräch miteinander.«
Die Frage »Vertrauen sie noch den demokratischen Institutionen?«, haben nur 34 Prozent bejaht. Zwei Drittel der Gesellschaft sind sehr skeptisch. Auch die Europafeindlichkeit ist groß. Europa wird mit Langatmigkeit, mit Bürokratisierung, mit Bevormundung verbunden. Der Psychologe: »Seitdem die Leute ein Smartphone haben, haben sie die Erwartung, alles auf Knopfdruck abrufen zu können. Die deutsche Politik wird dann als Bummelzug verstanden.« Hinzu kommt die Situation bei den jungen Leuten, der Generation Alpha, den Jahrgängen ab 2010. Nach einer aktuellen Studie ist der ganze Tag mit Social Media strukturiert. Grünewald: »Social Media entscheidet, was wahr und was wirklich ist.« Die KI ist mittlerweile der Best Buddy, »mit dem sie Liebeskummer und überhaupt alle ihre Probleme besprechen.«
Dass 77 Prozent sich mehr echte Gemeinschaftserlebnisse wünschen – auch mit Menschen, die anders denken als sie – bringt Grünewald auf die Idee der »Bremer Stadtmusikanten«. Denn die Ich-Aufhebung zugunsten der Wir-Bildung erkennt er als einen der Hauptgründe für viele Widerstände.
Wie er in seinem aktuellen Buch »Wir Krisen-Akrobaten – Psychogramm einer verunsicherten Gesellschaft« näher ausführt, erzählt das Märchen die Geschichte einer wiedergewonnenen Verbundenheit, zu der »Jeder nach seiner Natur«, wie es im Märchen heißt, beitragen kann. Grünewald: »Verbundenheit vermittelt erstens ein stolzes Gefühl der Erhabenheit, Größe und Erhöhung. Im Zusammenwachsen wächst der Einzelne über sich hinaus und sieht sich als Teil eines übergreifenden Gebildes.« Dazu erinnert er an den Astronauten Matthias Maurer, der 2021/22 mit einer weltweiten Crew fast ein halbes Jahr lang auf der internationalen Raumstation ISS zusammenarbeiten musste. Grünewald: »Die gemeinsamen Aufgaben und die gemeinsame Perspektive auf den Planeten Erde schafften ein stolzes Gefühl der Verbundenheit und Erhabenheit, das sogar stärker war als nationale Egoismen.«
»Die demokratische Gesellschaft braucht daher ein erweitertes Inzesttabu«, so Grünewald, die Aufhebung einer selbstbezüglichen, durch die sozialen Medien noch geförderten, sozialen und mentalen Inzucht.« Die Lösung sieht er im Konzept der Lehr- und Wanderjahre und der Einführung eines sozialen Pflichtjahrs. Die Begründung findet er u.a. darin, dass fast die Hälfte der befragten Jugendlichen beschreiben, dass sie nach den Coronajahren Angst haben, mit anderen in Kontakt zu treten. Grünewald plädiert daher für die Organisierung eines neuen Miteinanders auf allen Ebenen: mehr Klassenfahrten, mehr Schulfeste und mehr Austausch über die seelischen Auswirkungen der multiplen Krisen – Was macht der Krieg mit euch? Wie erlebt ihr die Umbrüche in der Welt? – durch neue Formen der Gemeinsamkeit. »Eine lebendige Verbundenheit«, so Grünewald, »lässt den Raum zur Entwicklung und Umgestaltung. Sie ist vor allem dann tragfähig, wenn sie nicht nur auf Harmonie und Konsens setzt, sondern den Austausch, die Auseinandersetzung und den Streit mit den Andersdenkenden und Anderslebenden sucht.« »Ein Wir entsteht nicht im Gleichklang«, betont der Psychologe, »sondern im respektvollen Widerstreit.«
Die Headline des re-view – auf englisch: »The Time is out of joint« – ist ein Zitat aus »Hamlet« am Ende des 1. Aktes. Lt. der Süddeutschen v. 18.12.25 protestierte das Stuttgarter Staatstheater an seiner Fassade damit zu Beginn der Spielzeit gegen drohende Etat-Kürzungen. –
Bei »Hamlet« geht der Text weiter: »Fluch der Pein, Muss ich sie herzustelln geboren sein! Nun kommt, lasst uns zusammen gehn.« – Shakespeare lässt Hamlet sich stellen – und der meint auch mich: »Nay, come, let‘s go together.«