re-view
Chemnitz und die Angst
, von Hartmuth Sandtner
Wir waren da. Meine Frau und ich. In Europas Kulturhauptstadt 2025! In Chemnitz. Einer der früher reichsten deutschen Städte. Heute ist Chemnitz, wie mir der Busfahrer der Ringbuslinie 82A, mit der wir die Stadt erkundeten (sämtliche Stadtrundfahrten waren bereits online ausgebucht) in einer Fahrpause auf meine Frage »Was ist das Schönste an Chemnitz?« erklärte, »Chemnitz ist die Stadt mit dem meisten Grün und den günstigsten Mieten und die Stadt der Wasserstofftechnologie.« Seit 1. Juli 2025 ist der neue Mietspiegel der Stadt in Kraft, der Mieterhöhungsbelange regelt. Laut Stadtmagazin 371 steigt die Basismiete in Chemnitz um 5%, wenn eine Wohnung über einen Handtuchwandheizkörper im Bad verfügt. »In Chemnitz ist alles entschleunigter«, sagt der gebürtige wilhelmhavener Ober, der lange Jahre auf der alten EUROPA gefahren ist und nun im Galerie-Flair des Heck-Art gleich um die Ecke vom Theaterplatz das Essen serviert. Es macht Chemnitz nachfühlbar für die über 250.000 Einwohner zu einem
Z U H A U S E .
Europas Kulturhauptstadt 2025 zieht Gäste aus der ganzen Welt an. Wir hatten uns Sonntag bis Mittwoch als Reisetage ausgesucht, leider ohne zu bedenken, dass montags in ganz Deutschland die Museen geschlossen sind. Und, dass man inzwischen für alles, wohin man auch will, Karten online schon vorgebucht haben muss. Diese Erfahrung traf uns, als wir uns dem Maler Edvard Munch und seiner Kunst in der Jugenstil-Villa Esche im geschichtsträchtigen Stadtteil Kapellenberg, annähern wollten. 1905 verbrachte der Künstler mehrere Wochen hier, um die Unternehmerfamilie Esche zu porträtieren. Wir hatten uns zu einer exclusiven Führung dort ein Taxi bestellt. Karten sollten noch verfügbar sein, hieß es auf der Website. Als wir schließlich im Feierabendverkehr – zeitlich mit Müh und Not – die Villa erreichten, den richtigen Hauseingang gefunden und bei strömendem Regen die dazu hinaufführenden gut 30 glitschigen Steintreppen »analog« erklommen hatten, waren die verfügbaren Plätze digital längst ausgebucht.
Stattdessen entdeckten wir Chemnitz mit dem Monate vorweggeorderten Bob-Dylan-Abend Rolling Thunder im Spinnbau, dem derzeitigen Ersatzbau für das Schauspielhaus, welches – wie im Stadtstreicher zu lesen – »im Park der Opfer des Faschismus vergammelt«, für dessen Neuerrichtung aber gerade kein Geld da ist. Ein bild- und assoziationsreicher Abend mit einer Band und sechs Sängerinnen und Sängern durch den Kosmos des »Song and Dance Man« und Literaturnobelpreisträgers Dylan – und seinen Weggefährtinnen. Eines Menschen, der – wie es im Song With God on Our Side mit der Zeile Oh, my name, it ain‘t nothin‘, my age, it means less anklingt – sich meist sehr zurücknimmt, aber mit seherischen Fähigkeiten in vielen seiner Lieder all das sich heute ereignende Unglaubliche, Schreckliche und uns Irritierende und Ängstigende wie ein Prophet vorausnimmt.
Tags zuvor war der weltbekannte Künstler Gunter Demnig in Chemnitz gewesen, um 30 neue Stolpersteine in der Stadt zu setzen, und hatte in der Chemnitzer Zeitung, der Freien Presse, für eine große Schlagzeile gesorgt und die Ängste der Vergangenheit reaktiviert.
»Angst als Grundemotion ist ein überlebensnotwendiges Gefühl.« Daran erinnert in den Kunstsammlungen am Theaterplatz Kuratorin Diana Kopka auf dem Ausstellungsprospekt mit ihrer Begrüßungsformel »Liebe Angst, schön, dass du da bist.« Und meint damit auch die aktuelle Edvard Munch Ausstellung, die – so das Stadtmagazin 371 – »wohl noch in Jahrzehnten als ein Leuchtturm in der Geschichte großer Kunstschauen gelten wird.« Obwohl »Der Schrei« ist nicht dabei. »Zu berühmt und zu gefährdet« verrät das Magazin der Stadtstreicher. Zu sehen ist eine Lithografie des berühmten Motivs unter dem Titel »das Geschrei«. Beeindruckend auch das Gemälde An Deck bei Schneesturm«. »Die Angst trifft alle zusammen und jeden für sich«, erklärt uns dazu der Ausstellungsflyer.
Mit der Schlagzeile »Inflationsangst essen Seele auf« empfing uns – Zuhause wieder angekommen – der Freitag v. 25.9.25. »Die Hälfte der Deutschen hat Angst, dass das Geld nicht reicht«, unterstrichen von Wolfgang Michal mit diversen Daten aus seriösen Untersuchungen, die man möglichst gar nicht wahrnehmen und wahrhaben möchte, weil sie das Weltbild stören oder die eigene Situation noch hoffnungsloser machen als sie sowieso schon ist. Platz Eins (52%) im Ängste-Ranking, hat die Inflation. Überforderung des Staates durch Geflüchtete (49%). Steuererhöhungen/Leistungskürzungen (49%). Wohnen in Deutschland unbezahlbar (48%). Die Zahl der Selbstmorde stieg 2022 erstmals seit 2015 wieder über 10.000. Seit 2019 haben sich Depressionen und Angstsymptome fast verdoppelt.
Noch mal zurück zum Bob Dylan-Abend – was singt er 1964 in seinem Song The Times They Are A-Changin‘?
Come gather ‘round people /Wherever you roam / And admit that the waters / Around you have grown. (Kommt näher, ihr Leute / Wo immer ihr seid / Und gesteht, dass rings um euch / Die Flut höher steigt.)