re-view
»Das unsichtbare Band«
, von Hartmuth Sandtner
Als Kind wurde die kurzhaarige österreichische Comic-Zeichnerin Ulli Lust von älteren Frauen immer wieder gefragt: «Bist du a Bui oda a Mensch?»; denn »Mädchen« hatte sich im Dialekt abgeschliffen zu »a Mensch«. Die Antwort konnte also nur lauten: »I bin a Mensch!« Diese Anekdote, die Valeria Heintges im Internetportal Republik.ch bei der Vorstellung der Sachbuchpreisträgerin 2025 erzählt (t.ly/MMaWa), bringt uns mitten ins Thema der Geschlechterschieflage. Denn »Wir werden nicht als Mensch, sondern als Junge oder Mädchen geboren«, zitiert Boris von Heesen, Wirtschaftswissenschaftler und Männerberater in seinem Buch »Was Männer kosten« den niederländischen Forscher und Feministen Jens van Tricht. Jungen gelten als entschieden, tapfer, rational und durchsetzungsstark. Frauen und Mädchen gelten dagegen als wankelmütig, sorgend, bescheiden und emotional. Und diese Rollenstereotype haben eine lange Tradition. Für von Heesen hat Friedrich Schiller in seinem »Lied von der Glocke« aus dem Jahre 1799 die Steilvorlage zur Erklärung der Rollenstereotype gegeben:
Der Mann muss hinaus /
Ins feindliche Leben / Muss wirken und streben /
Und pflanzen und schaffen / Erlisten, erraffen /
Muss wetten und wagen/ Das Glück zu erjagen.
Am 18. Juli war von Heesen mit seinem jüngsten Buch »Mann am Steuer: Wie das Patriarchat die Verkehrswende blockiert« in Wien bei den Sommergesprächen der Wochenzeitschrift Falter (falter.at) zu Gast. Katharina Kropshofer vom Falter fragte: »In welchem Alter formt sich dieses Männlichkeitsbild eigentlich?« Von Heesen: »Es gibt Forschung, die zeigt, dass diese Prägung sogar schon vor der Geburt anfängt.« Sobald die Eltern wissen, dass es ein Junge wird, reden sie weniger mit dem Baby, und der Bauch wird weniger berührt. Sind die Babys dann da, wird mit Jungs lauter gesprochen als mit Mädchen.
»Es gibt ein unsichtbares Band«, sagt von Heesen, »das die Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern in dieser Gesellschaft jeden Tag von Neuem miteinander verwebt.«
Den Ort, »an dem das wundersame Band gefertigt wird«, sieht von Heesen im Patriarchat. Und das Patriarchat kostet. »Es belastet unser Gemeinwesen jedes Jahr mit einem Betrag von mindestens 63 Milliarden Euro. Durch Gefängnisaufenthalte, Verkehrsunfälle, Süchte, ungesunde Ernährung oder Kriminalität. Alles Kontexte, die von Männern dominiert werden.«
Und was ist der Preis des Patriarchats für die Männer? Schillers Glocke lässt es ahnen. Straftaten werden im Straßenverkehr zu 85 Prozent von Männern begangen, Ordnungswidrigkeiten zu 76 Prozent, 92 Prozent der entzogenen Führerscheine entfallen auf Männer, in Österreich ungefähr 70 Prozent der Verkehrsunfälle entfallen auf Männer. Sie sterben auch vier mal so häufig wie Frauen im Straßenverkehr, in Deutschland dreimal so oft, sie verletzen nicht nur andere Menschen unnötig, sondern auch sich selbst.
Von Heesen: »Nichts eignet sich so sehr wie das Automobil, um all die Stereotype zu reproduzieren. Es ist wie eine Metallrüstung, die dazu führt, »dass ich Verhaltensweisen an den Tag lege, die ich ohne diese Hülle nie hätte«. Zudem bildet sich in der Gesellschaft eine Art »Autonormativität. Das Auto ist die Norm, ihm wird Vorfahrt gegeben. Bevölkerung und Politik akzeptieren das, auch, dass die Verkehrspolitik hauptsächlich von Männern in Politik, in Verwaltung, im Lobbyismus gestaltet wird. Auch, dass alle großen, einflussreichen Verbände zu 100 Prozent Männer im Vorstand haben.«
Von Heesen auf die Frage, wie kann man das ändern: »Wir sollten diese ganzen Zahlen nicht in Tabellen oder Datenbanken verstecken, sondern an die Öffentlichkeit bringen, beispielsweise bei einer jährlichen Pressekonferenz von Kraftfahrt-Bundesamt und Statistischem Bundesamt über Männer und Frauen im Straßenverkehr.«
Fühlen sich Männer im Gesellschaftskontext der Geschlechter Frauen überlegen? Oder eher unterlegen? Der oben zitierten Comic-Zeichnerin Ulli Lust fiel irgendwann bei Museumsbesuchen auf, dass »viel mehr männliche Statuen zu sehen waren, die auch noch ihre Nacktheit vorzeigen, während die wenigen weiblichen eher versuchen, sie zu verdecken«, berichtet Valeria Heintges in ihrem Essay. Ausgehend von diesen Beobachtungen, besuchte Ulli Lust Ausgrabungsorte in Europa, beleuchtete das Sozialverhalten nomadisch lebender Völker und gestaltete überzeugend in Text und Bild »Die Frau als Mensch« als eine Graphic Novel. »Mit bohrendem «Warum?« und «Warum nicht?« pflügt die heute 57jährige Ulli Lust gängige Ansichten über Geschlechterver-
hältnisse mit großartigem, subversiven Humor um. Und offenbart auch gleich, dass sie schon als Kind von Neugier und einer ordentlichen Portion Renitenz getrieben wurde. Und sie findet Kollektive von Männern und Frauen, die nur überleben konnten, weil sie gelernt haben, vertrauensvoll, empathisch und friedlich miteinander umzugehen. Die Urzeit wird fast plastisch wieder lebendig.« Vielleicht kann das Wissen uns auch heute bei unseren Problemen weiterhelfen.