re-view

Auf dem Wege zu Amor Mundi

, von Hartmuth Sandtner

Das gemeinsame Essen am Familientisch ist heute wichtiger denn je, sagt Max Scharnigg in seinem Essay »Am Tisch des Lebens« in der Süddeutschen vom 23.12.25. »Es hält nicht nur Familien, sondern auch die Gesellschaft zusammen«, so sein Argument. »Jedes gemeinsame Essen ist ein Fest, auch wenn wir im Alltag vielleicht verlernt haben, das so zu sehen.« Dabei denkt Scharnigg an schlichte Hausmannskost – Eier in Senfsauce, Kartoffelsuppe, Spinat mit Spiegelei, Kartoffeln mit Kräuterquark. »Familientisch ist erst dann, wenn alle durcheinanderreden und gar nicht merken, was für eine kleine und sehr wichtige Konferenz es ist, die hier gerade stattfindet. – Und es gibt nicht so viele Situationen im Familienalltag«, weiß Max Scharnigg, »bei denen alle körperlich anwesend und die Sinnesorgane auf Empfang geschaltet sind.«

Wie es zum Zusammenhalt kommt, hängt von mir ab, wie ich auf andere Menschen zugehe, wie ich andere Menschen behandle, wie ich Gemeinschaften und die Räume um mich herum mitgestalte, beschreibt Bestseller­autor Daniel Schreiber in seinem aktuellen Buch »Liebe. Ein Aufruf«. Schreiber erzählt im Internetportal Republik.ch v. 20.12.25 im Interview mit Cornelia Eisenach, wie er selbst Ohnmacht angesichts der Bedrohung durch die extreme Rechte spürt und sich daher für das Buch mit verschiedenen Denkerinnen und Denkern auseinander­gesetzt hat, unter anderen mit Hannah Arendt. Schreiber: »Liebe und speziell die Liebe zur Welt waren Themen, mit denen sich Hannah Arendt zeit ihres Lebens auseinandersetzte.« Sie fragte: »Amor Mundi – warum ist es so schwer, die Welt zu lieben?«

Der italienische Philosoph Emanuele Coccia könnte ihr heute antworten. Er sieht die Welt im »Zuhause« des Ich. Für ihn »ist das Ich keine Frage von Seele oder Körper. Es ist immer die Bewegung der Welt, der ganze Planet, der in jedem von uns “Ich“ sagt.«, heißt es in seinem Buch »Das Zuhause«. »Es ist die Schwelle, an der das Subjekt Realität wird und die Welt beginnt, ein unverwechselbares Gesicht zu haben.«

Dazu passt, wenn Daniel Schreiber Liebe nicht als Gefühl, sondern als politische Kraft, als »eine Tätigkeit« definiert. Wir haben natürlich immer die romantische Liebe im Kopf«, weiß er, »aber es gibt in der Philosophie- und Theologie­geschichte eine lange Tradition, Liebe als ein gemein­schaftliches Beziehungs­geschehen zu begreifen.« Sie ist für ihn das, »was wir als demokratische Gesellschaft brauchen.« Schreiber versteht darunter ein Aufeinanderangewiesen-Sein der Menschen, inklusive der gegenseitigen Anerkennung, der inner­gesellschaftlichen Solidarität, aber auch der Verantwortung für nach­kommende Generationen, und begründet so seinen Blick auf die Welt: »Wenn Gesellschaften sich von der Liebe abwenden, zerbrechen sie.«

Für Daniel Schreiber ist »Unsere Welt auch ein Spiegel unserer persönlichen Beziehungen, zu unseren Familien und Freundinnen, zu Nachbarinnen und Bekannten, zu politischen Verbündeten und Gegnerinnen. Ein Spiegel unserer Art, wie wir auf uns fremde Menschen zugehen.«

Schreiber ruft dazu auf, »sich von dem Reflex zu verabschieden, aus politischen Gegnerinnen und Gegnern Feinde zu machen, und stattdessen in unseren politischen Verhandlungen und Diskussionen auf das Gemeinsame, das uns Verbindende zu schauen. Er appeliert an das menschliche Grundbedürfnis nach Kooperation und denkt an eine »Allianz, die sich über das gesamte traditionelle parteipolitische Spektrum hinweg formt und sich dabei nicht von den jeweils unterschiedlichen Positionen paralysieren lässt.« Für Schreiber ist der Gemeinsinn die Basis, um »mit Empathie gegen die Entwicklung von Feindbildern anzugehen« und sich »mit einer Ethik des Dialogs gegen die Herrschaft durch Gewalt zu stellen.«

Daraus folgt für ihn: Wenn ich eine freundlichere, respektvollere Welt will, muss ich bei mir selbst beginnen.

Mehr zum Thema