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»What a Piece of Wreck is Man«

, von Hartmuth Sandtner

Seit 2015 gibt es in Deutschland die Initiative Tierwohl. Jetzt hat Cem Özdemir, Minister für Ernährung & Landwirtschaft, einen Plan vorgestellt, um die Situation in den Ställen weiter zu verbessern. Denn »der Sonntagsbraten ist politisch«, notiert Tanja Busse im der Freitag vom 9.6.22. Weltweit wird so viel Fleisch produziert, dass die Biomasse der Nutztiere um ein Vielfaches größer ist als die aller wildlebenden Tiere. Fast 60 % der Emissionen aus der Lebensmittelproduktion kommen in Deutschland aus der Fleisch- und Milchbranche, die aber nur 18 % der Kalorien und 37 % der Eiweiße für die Ernährung der Menschen liefert. So kommt die Eat-Lancet-Kommission (eatforum.org) zu dem Schluss: »Die Fleischfrage entscheidet über die Zukunft des Planeten.« – »Wie kann es sein, dass wir alles über die Klimakrise wissen und trotzdem so wenig dagegen unternehmen?«, fragen Fritz Engel und Bernd Ulrich in einem Dossier der ZEIT vom 15.6.22 unter der Überschrift »Der verletzte Mensch«. Sie finden mit Rückgriff auf Sigmund Freud eine Erklärung. Sie hat mit Kränkung zu tun, mit der unseres Stolzes, unserer Ehre, der unserer Phantasien von Freiheit und der unserer BIP-Normalität. Wenn man die drei Seiten in der ZEIT etwas rustikal zusammenfasst, ist der Grund: Der Mensch ist eine vielfach beleidigte Leberwurst. Darum handelt er nicht. Nicht nur Scholz, wie der unbotmäßige Herr Melnyk in einem anderen Kontext meinte, sondern wir alle. Da die ZEIT-Autoren ja gleich anfangs schreiben, dass »Manche Fragen zu groß [sind] für einen Artikel«, muss die schlussendliche Antwort auf die Frage aber wohl weiter offen bleiben.

Sehr viel direkter widmet sich Amanda Gorman dem Thema in ihrem Gedichtband »Was wir mit uns tragen«. Unter der Kapitelüberschrift What a Piece of Wreck is Man, ausgeliehen von Pulitzer-Preisträgerin Tracy K. Smith, ruft die Lyrikerin und Aktivistin, die 2021 bei der Feier zur Einsetzung des US-Präsidenten J.R. Biden ihr Gedicht »The Hill We Climb« vortrug, uns in ihrem Gedicht hephaistos entgegen:

Pay attention.
Having fallen
In this era of error,
We’re re-raised among wreckage.

What happened to us,
We asked. A true inquiry.
As if we’re simply the affected,
The recipient, to which
Such rambling trauma was sent.
As if we did not give the very cry
To which our bows were bent.
We labor equally
When we fall as when we rise.
Always remember that
What happened to us
Happened through us.

Und Gorman schließt das längere Gedicht mit den Zeilen:

Sometimes / The Fall / Just Makes
/ Us / More/ Ourselves.

Wenn wir denn zu uns selbst finden, sehen wir vielleicht auch klarer die Realitäten, die uns umgeben. Krieg ist nicht nur in Europa. Krieg quält die Menschen auch an vielen anderen Plätzen der Erde. So am Horn von Afrika, in Somalia. Und was das Tierwohl betrifft, verhungern und verdursten dort seit Herbst ganze Ziegenherden, weil jetzt schon die vierte Regenzeit in Folge praktisch ausgefallen ist. »Erst sterben die Tiere, dann die Menschen«, schreibt Arne Perras in der Süddeutschen v. 14.6.22. Ohne Milch und Fleisch ihrer Herden droht den Hirtenvölkern die Katastrophe. Auch die Existenz vieler Ackerbauern ist bedroht, weil ihre Ernten ausfallen werden. Somalia, wo regionale Konflikte und Kriege mit der radikal-islamistischen Miliz die Menschen bedrohen, ist eine jener Regionen, die von den Landwirtschaftsexperten der Vereinten Nationen jüngst als besonders bedrohte Hunger-Hotspots eingestuft wurden. Nach UN-Analyse sind bis zu 750.000 Menschen in diesen Gefahrenzonen vom Hungertod bedroht, außer Jemen und Afghanistan liegen alle Gebiete in Afrika. Ähnliches wie für Somalia gilt auch für Äthiopien, vor allem in der Kriegsregion Tigray, sowie für den Sahel-Gürtel, der vom Osten des Kontinents bis nach Westafrika verläuft.

»Als wesentliche Ursache dieser Entwicklung«, so Christoph von Eichhorn in der Süddeutschen vom 11.6.22, »sehen Meteorologen und Ernährungsexperten neben bewaffneten Konflikten Extremereignisse wie Dürren.« Und diese entfalten sich in erschreckender Übereinstimmung mit den Klimamodellen, die etwa für Ostafrika eine Abnahme der Niederschläge vorhersagen. »Man sollte sich daher keinen falschen Hoffnungen hingeben«, meint von Eichhorn: »Selbst eine Aufhebung der Blockade ukrainischer Häfen garantiert noch keine Rückkehr zur Normalität.«

Apropos Selbstfindung – Gorman hat dazu einen Vorschlag:

Sometimes, we must call our
monster out from under the bed
to see he/she/it carries our Face.