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»Franzosen wollen Leader«

, von Hartmuth Sandtner

So lautete im der Freitag vom 14.4.22 die Headline zu einem Beitrag, der französischen Philosophin und Beraterin der Französischen Nationalversammlung Corine Pelluchon, der sich mit der Präsidentenwahl in Frankreich befasst und ich dachte spontan: Nur Franzosen wollen Leader? Nicht auch die Deutschen lieben Personen, die einem sagen, wo es langgeht?  Wieso hat es bei uns zu keinem Aufschrei in der Bevölkerung geführt, als Scholz sein 100-Milliarden-Projekt für die Bundeswehr augenscheinlich ohne Abstimmung in der Regierungskoalition verkündete? Warum hat auch die Grünen-Spitze hinterher gar nicht aufgemuckt, noch ihre Sympathisanten? Warum rufen sie nicht wie früher auf zu Mahnwachen? Warum kann FDP-Graf Lambsdorff ohne wirklichen Widerspruch in den Medien die Teilnehmer der Ostermärsche beschimpfen »sie spucken den Verteidigern Kiews und Charkiws ins Gesicht«? Nehmen wir alle das einfach so hin nach dem Motto »Die da oben werden schon wissen was sie tun«? Ist das »neue Momentum«, was Robert Habeck in der Beziehung zwischen Deutschland und den USA nach seinem Besuch zu diagnostizieren glaubte, in Wirklichkeit gar keine »neue Renaissance«, sondern die alte? Zu der dann auch gleich passgenau CDU-Chef-Merz Bundeskanzler Scholz in alter Denke Zunder gibt, er sorge mit »seiner Zurückhaltung bei der möglichen Lieferung schwerer Waffen für ein schwieriges Erscheinungsbild Deutschlands« und gefährde »mit seinem Verhalten den Zusammenhalt der gesamten Staatengemeinschaft gegenüber Russland.«

»Krieg und die Klimakrise treffen sich an einem Punkt – und das ist die Herrschaft. Genauer: das „Herrschaftsschema“.«, weiß Corine Pelluchon. »Der Mensch bemächtigt sich seiner Umwelt, der Natur, er unterjocht sie. Das bestimmt sein gesamtes soziales Handeln.«

In einem Vortrag im März 2018 in Wien über »Momente gelingender Beziehungen« (bit.ly/3vqIqK7) wirbt der Neurobiologe und Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther für eine neue Beziehungskultur, in der sich die Partnerin oder der Partner – das Tier, die Natur – als Subjekt erlebt. »Viele unserer Beziehungen sind Objekt-Beziehungen.« Das ist seit 10.000 Jahren so und hat sich in die Köpfe der Menschen tief eingegraben. Und diese Erfahrung, so Hüther, beginnt für den Menschen schon in seiner Kindheit. »Man möchte das Beste für sein Kind und hat dann auch eine Vorstellung wie das werden soll, und macht sein Kind zum Objekt seiner Erwartungen, seiner Vorstellungen, seiner Hoffnungen und Sehnsüchte«. Schließlich auch zum Objekt seiner Bewertungen, Belehrungen und Maßnahmen. In der Gesellschaft gibt es dafür den Begriff der Hierarchie: einer weiß wie es geht und sagt allen anderen, wo es langgeht. Hüther: »Aber unser Bedürfnis nach Autonomie ist genauso wichtig.« Man will gleichzeitig verbunden sein UND autonom. »Potentialentfaltung«, so Hüther, »Berührbarkeit, Achtsamkeit, Mitgefühl, alles Dinge, die heute gar keine Rolle mehr spielen, ist unter solchen Bedingungen nicht möglich.« Und Hierarchie bedingt Wettbewerb, Wettbewerb derer, die unten sind, und nach oben kommen wollen, und damit Ungleichheit. Für Hüther geschieht das vor allem durch Erfindungen, durch die Entwicklung neuer Produkte, etc.. Aber dadurch wird die Welt immer komplexer. »Schlussendlich so komplex wie heute: Alles ist miteinander vernetzt, alles voneinander abhängig, globalisiert, digitalisiert – und es gibt keinen mehr, der das lenkt.«

Das war offensichtlich vor Jahrzehnten schon ähnlich. Corine Pelluchon erinnert in ihrem Interview an den französischen Sozialisten Jean Jaurès (1859-1914), der sagte: »Wenn es Ungleichheit gibt, Klassenkampf, dann ist sogar in Friedenszeiten Krieg.« Und Pelluchon folgert: »In einer neoliberalen Gesellschaft, in der Reichtum so verteilt ist, in dieser Ellenbogengesellschaft, da ist jeden Tag Kriegszustand. Und das verwandelt alle unsere Beziehungen, zur Natur, zur Arbeit, zu anderen Lebewesen, zur Politik, zu uns selbst.« Darum, so die Philosophin, »müssen wir unseren Platz in der Welt verändern. Wir sind eine weltweite Schicksalsgemeinschaft, das hat die Pandemie gezeigt.« Darum brauchen wir, so Hüther auf dem Göttinger Resilienzkongress März 2022 (bit.ly/3jKxgdY) im Gespräch mit Sebastian Mauritz, statt immer mehr Analyse mehr Synthese. »Was polarisiert wurde, muss zusammengebracht werden.« Hierarchische Gesellschaften können auf Dauer nicht bestehen. Das weiß man in den Unternehmen, das weiß man in den Gesellschaften. In Unternehmen versucht man, das Problem über flache Hierarchien zu lösen, aber dafür braucht man sehr verantwortungsvolle Mitarbeiter, die müssen mitdenken, die müssen sich einbringen, denen muss das Unternehmensanliegen am Herzen liegen, und das hat man in vielen Unternehmen noch nicht geschafft. Hüther: »Und in der Gesellschaft sind wir davon meilenweit entfernt, dass wir so viele Menschen hätten, die in der Lage wären, selbstverantwortungsvoll und ausgerichtet auf ein friedliches Miteinander ihr Leben und das Zusammenleben so zu gestalten, dass sie keine Anführer mehr brauchen.«

»Wir brauchen Lösungen«, sagt Corine Pelluchon, »die in heiklen Situationen helfen, ohne unsere Prinzipien zu verraten. Wenn jeder an seiner Sicht festhält, führt das zur Zerstörung.« Und sie zitiert Kant: »Der Mensch ist wie krummes Holz. Allein wächst er nicht gerade. Die Menschen müssen also ihr Urteilsvermögen schulen, indem sie lernen, anderen zuzuhören, ihre Meinung zu korrigieren und sich zu beraten. Das ist der Kern der Demokratie.«