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»O, Muse, du im Glorienscheine, du Schwester des Apoll, du Reine«

, von Hartmuth Sandtner

»Eine der schönsten Huldigungen für die Ukraine«, schreibt Alfred Anton Jensen (bit.ly/3M2k694) 1916 in seiner im Internet verfügbaren Abhandlung »Ein ukrainisches Dichterleben«, hat der Dichter Taras Schewtschenko (1814-1861) im Gedicht »Die Muse« (bit.ly/35xwHjG) niedergelegt, das er 1858 in Niznij Nowgorod verfasste. Auch Anne Applebaum, mehrfach ausgezeichnete amerikanische Journalistin und Historikerin, seit 2006 in Polen lebend, wendet sich am 25.2.2022 im Online-Magazin republik.ch (bit.ly/3plkxSj) in ihrem Beitrag über die Ukraine mit einem Gedicht des in der Ukraine unvergessenen Dichters Taras Schewtschenko aus dem Jahre 1859 an ihre Leserinnen und Leser:

Erneutes Unheil

Lieber Gott, erneutes Unheil!
Es war so friedlich, so ruhig

Wir fingen erst an, die Ketten zu sprengen
Die unser Volk zu Sklaven machen
Als halt! Schon wieder fliesst des Volkes Blut 
In Strömen. . .

Anne Applebaum stellt sich und uns die Frage, was bedeutet die Ukraine eigentlich für Ukrainer? Schewtschenkos romantische Balladen sind dabei für sie Bilder gegenwärtiger »Erinnerungen und Emotionen«.

Dazu schaut sie in die Geschichte: Die Ukraine ging aus dem mittelalterlichen Kiewer Reich hervor, demselben Reich, aus dem auch die Russen und Belarussen hervorgingen. Doch zur gleichen Zeit entstand auch ein ukrainisches Selbst-verständnis durch Leibeigene und Landwirte, die sich nicht anpassen wollten. Anne Applebaum: »Wer damals sagte: “Ich bin Ukrainerin“ [...] bedeutete, dass man sich bewusst abgrenzte vom Adel.« Später konnte es auch bedeuten, dass man sich von der Sowjetunion abgrenzte. Anne Applebaum: »Die ukrainische Identität war schon antielitär, bevor jemand den Ausdruck antielitär benutzte.« Schon im frühen 19. Jahrhundert gründete die »Zivil-gesellschaft« Selbsthilfe-gruppen und Lern-gemeinschaften, die Magazine und Zeitungen publizierten, Schulen gründeten und der bäuerlichen Bevölkerung Bildung boten. Als sie stärker und zahlreicher wurden, begann Moskau diese Basis-organisationen als Bedrohung für die Einheit des kaiserlichen Russlands wahrzunehmen. Applebaum: »Das Kaiser-reich [verbot] ukrainische Bücher und verfolgte jene, die sie schrieben und publizierten.« Ähnlich war es unter Stalin. Er fürchtete, er würde die Ukraine »verlieren«. Bald schon organisierten sowjetische Geheim-polizisten Gruppen von Aktivisten, die in ländlichen Gegenden von Haus zu Haus gingen – und Lebensmittel beschlagnahmten. Applebaum: »Rund 4 Millionen Ukrainerinnen verhungerten deswegen.«

Erst im späten 20. Jahrhundert organisierten die Ukrainer eine »Graswurzel-bewegung, die ihnen 1991 die Unabhängigkeit einbrachte. Doch viele Ukrainerinnen blieben dem Staat gegenüber misstrauisch. Applebaum: »sogar ihrem eigenen gegenüber. Denn der Staat – die Regierung, die Regierenden, die Staats-macht –, das waren immer “die“ gewesen, nicht “wir“. [...] Es gab überhaupt keine Tradition eines Dienstes an der Öffentlichkeit [...] Und gerade weil die Opposition gegen postsowjetische Kleptokratie einen Teil der ukrainischen Identität ausmacht, ist diese auch eng verbunden mit dem Streben nach Demokratie, nach Freiheit, Rechts-staatlichkeit und europäischer Integration.«

Zweimal, 2005 und 2014, haben selbst organisierte ukrainische Protest-bewegungen kleptokratische und autokratische Führer gestürzt. Applebaum: »2019 stimmten 70 Prozent der Ukrainerinnen erneut gegen das Establishment« und wählten Wolodimir Selenski zu ihrem Präsidenten, »einen [...] Schauspieler ohne jede politische Erfahrung, jedoch mit reichlich Erfahrung darin, sich über die jeweiligen Macht-haber lustig zu machen – genau die Art von Humor, die Ukrainer am meisten schätzen.« Im Wahlkampf versprach Selenski, den Krieg mit Russland zu beenden. Er bat um Treffen mit dem russischen Präsidenten; und er arbeitete unterdessen weiter an einer West-Integration der Ukraine.

Anne Applebaum: »Unter diesen 40 Millionen strebt eine beträchtliche Zahl [...] über sämtliche Tätigkeits-felder hinweg – nach einem faireren, freieren und wohlhabenderen Land, als es all jene waren, die sie in der Vergangenheit bewohnt haben. [...] Die Auseinandersetzung, die bevorsteht, wird uns alle angehen [...] zwischen Diktatur und Freiheit, ist die Ukraine jetzt die Frontlinie – und es ist auch unsere.«

»Aber sollen wir deshalb lernen, die Bombe zu lieben?«, fragt Jakob Augstein im der Freitag vom 4.3.22 (bit.ly/35Nsb0w) und bezeichnet das im Bundestag bejubelte Rüstungspaket von Olaf Scholz als gefährlichen Irrweg. »Der Krieg in der Ukraine ist ein Verbrechen.« Hilfe tut Not, so Augstein, »aber nicht Waffen. [...] Der Westen verlängert mit seinen Waffenlieferungen den Krieg. Sobald unsere Waffen dort zum Einsatz kommen, sind es nicht mehr nur Putins Tote, es sind dann auch unsere.« Und er fragt sich, ist mit Scholz »die Friedenstradition der bundesdeutschen Gesellschaft an ihr Ende« gekommen?

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