Kamingespräch im Reinbeker Schloss

Björn zu Björn: »Man darf seine politischen Kontrahenten nie zu Feinden machen!«

, von Kerstin Völling

Reinbek – Den spitzbübischen Blick über den Brillenrand hat er sich bewahrt. Nach wie vor ist er Pfeifenraucher, Weintrinker, Kneipengänger, Witzeerzähler, Fischbrötchenverschmäher und ein echtes Lübecker Nordlicht mit einem Ur-Ur-Ur-Großvater aus Schweden. Er glaubt immer noch, dass Sozialdemokratie mit Solidarität einhergeht. Das Wort »kämpfen« im politischen Diskurs hat er nie gemocht, er spricht von »streiten« und davon, dass man seine Kontrahenten nicht zu Feinden machen darf. Er muss es wissen, denn ihm ist so etwas schon passiert: Björn Engholms Name wird wohl ewig mit der Barschel-Affäre verknüpft bleiben. Und obwohl diese Affäre beim Kamingespräch mit dem Thema »Gnadenlose Politik?« nur eine untergeordnete Rolle spielte, sei sie hier insbesondere für die jungen Leser dargestellt, die im proppevollen Festsaal des Schlosses nur spärlich vertreten waren:

1987 versuchte der damalige CDU-Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, Uwe Barschel, den Gegenkandidaten im Wahlkampf, Björn Engholm (SPD), durch Reiner Pfeiffer (Staatskanzlei CDU) in der öffentlichen Meinung zu diffamieren. Laut Pfeiffer, der das Bestreben Barschels dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel verriet, sollte etwa verbreitet werden, dass Engholm Steuern hinterzieht und an Aids erkrankt sein könnte. Nachdem Der Spiegel die Geschichte veröffentlichte, beging Barschel offenbar Selbstmord, Engholm wurde Ministerpräsident und beteuerte im Untersuchungsausschuss, nichts von den Diffamierungsversuchen Barschels gewusst zu haben. Wie sich später herausstellte, entsprach das nicht der Wahrheit. Engholm trat daraufhin von allen politischen Ämtern zurück.

Vor allem Bürgermeister Björn Warmer, der Engholm nach Reinbek geholt hatte, wollte wissen: Wie übersteht man solche politischen Achterbahnfahrten? Was bleibt in Erinnerung? Verändern Akteure die Politik oder die Politik die Akteure? Wie viel Streit verträgt eine Kultur?

»Das hat schon eine besondere innere Anstrengung erfordert, um das zu verarbeiten«, sagte Engholm. Aber man sei in einer Demokratie nur auf Zeit gewählt. Daran werde man dann erinnert. »Solche Krisen sind eine Schule für sich selbst, man entwickelt Eigenschaften, die einen auch durch Niederungen im weiteren Leben tragen.« Zwar habe es Bösartigkeiten in der Politik immer gegeben: So sei etwa Willy Brandt vorgeworfen worden, unehelich geboren zu sein – ein sehr großer Makel in Zeiten, in denen nur einem toten Sozialdemokraten Respekt gezollt worden sei. Aber der Barschel-Skandal sei eine Ausnahme gewesen: »So etwas habe ich in der Politik sonst nicht erlebt«, versicherte Engholm.

Den Grund für den Niedergang der so genannten Volksparteien sieht der Ex-Bundesbildungsminister zum einen darin, dass es heute keine Charakterköpfe wie Franz-Josef Strauß (CSU), Herbert Wehner (SPD) oder auch Hans-Dietrich Genscher (FDP) mehr gebe: »Man wusste, die standen für etwas.« Heutzutage besetze die Politik zu oft Themen und vertrete sie nicht. »Außerdem gibt es eine erhebliche Anzahl von akademischen Berufen in den Parlamenten, viele davon Juristen«, erklärte Engholm weiter. Die würden sich zwar in Verordnungen bestens auskennen, aber sich nicht mehr unters Volk mischen. Ferner wirft Engholm einigen Politikern vor, lediglich mit dem Vorgaukeln von Omnipotenz zu punkten: »Wenn ein Robert Habeck (Grüne) den Kohleausstieg bis 2025 fordert, dann muss er auch ins Braunkohlerevier gehen und den Arbeitern dort erklären, wo sie neue Jobs herbekommen.« So einfach sei das alles nämlich nicht: »Es gibt heute kein einziges politisch bedeutendes Problem mehr, dass man ganz allein auf nationaler Ebene lösen kann«, ist Engholm überzeugt. Da müsse man Kompromisse machen, die Zeit kosteten. Dass sich junge Leute heute wieder auf die Straße begeben und der Politik etwas abfordern, findet Engholm hingegen gut: »Vielleicht ist ‚Fridays for Future‘ der Einstieg für so einige junge Demonstranten, sich auch für andere Politikfelder als den Klimaschutz zu interessieren«, hofft er. Ebenso zeigt der zweifache Vater Verständnis für die Wut vieler Ostdeutscher, die aus Protest AfD wählen: »Gerade in Mecklenburg-Vorpommern hätte die Treuhand auch Betriebe durchorganisieren statt plattmachen können, da sind tiefe Wunden gerissen worden.« Er höre sich heute an, wie sehr das die Menschen dort getroffen habe: »Und ich behaupte ganz bestimmt nicht, dass sie nur Scheiße reden.« Die »alte Tante« SPD, davon ist Engholm überzeugt, werde nicht untergehen: »Aber es wird noch lange dauern, bis sie wieder 20 Prozent zugelegt hat.« Und wie kommen seine deutlichen Worte bei den Genossen an? »Ich werde im November 80 Jahre alt und kann deshalb sagen, was ich will«, antwortet er da.

Schlagwörter